Tablīġ-Vers

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Als al-Tablīġ-Vers (Verlautbarungsvers) (arabisch: آیة التبلیغ) wird der Vers 67 in der Sure 5 (Māʾida) im Heiligen Qur'an bezeichnet. Er gehört zu den letzten Versen, die dem Propheten Muhammad (s.) offenbart wurden. Gemäß diesem Vers verpflichtete sich der Prophet (s.), den Menschen eine sehr wichtige Botschaft zu verkünden. Durch diesen Vers wird ausdrücklich die Wichtigkeit dieser Botschaft dadurch hervorgehoben, dass, wenn der Prophet (s.) es nicht getan hätte, seine Mission nicht erfüllt worden wäre .

Laut der schiitischen Glaubenslehre und nach Ansicht einiger Sunniten wurde der Vers auf der Abschiedspilgerfahrt (Ḥağğat-ul-widā) kurz vor dem 18. Ḏu al-Ḥağa 10 n. H. (632 n. Ch.) hinabgesandt. Nach den Schiiten behandelt der Vers das Thema Nachfolgeschaft und Übertragung der Führung der islamischen Gemeinde nach dem Propheten Muhammad (s.) auf Imam ʿAlī (a.). Bei der Offenbarung des Verses in Ġadīr Ḫum erklärte der Prophet (s.) Imam ʿAlī (a.) zum Nachfolger. (Siehe: Ereignis von Ġadīr).

Der Text

يَا أَيُّهَا الرَّسُولُ بَلِّغْ مَا أُنزِلَ إِلَيْكَ مِن رَّبِّكَ وَإِن لَّمْ تَفْعَلْ فَمَا بَلَّغْتَ رِسَالَتَهُ ۚ وَاللَّـهُ يَعْصِمُكَ مِنَ النَّاسِ إِنَّ اللَّـهَ لَا يَهْدِي الْقَوْمَ الْكَافِرِينَ

Gesandter! Übermittle du, was zu dir herabgesandt wurde von deinem Herrn! Wenn du es nicht tust, dann hast du deine Botschaft nicht erfüllt. Gott wird dich vor den Menschen beschützen. Siehe, Gott leitet die Ungläubigen nicht recht.

Herabsendungsanlass

Hauptartikel: Ereignis von Ġadīr

Die schiitischen Exegeten und Überlieferer betrachten den Vers, der auf der Abschiedspilgerfahrt in Ġadīr Ḫum am (18. Ḏu al-Ḥağa) offenbart wurde, als Designation ʿAlīs (a.) zum Nachfolger des Propheten. [1] Auch einige sunnitische Exegeten des Heiligen Qur'ans haben sich damit einverstanden erklärt.[2]

Ursache des Herabkommens

Gemäß schiitischen Überlieferungsquellen erschien der Engel Gabriel dem Propheten an einem Ort namens Ḥağ und forderte von ihm, den Treueid (Baiʿa) von Imam ʿAlī (a.) zur Nachfolgeschaft zu empfangen. Aufgrund der Heuchelei (nifāq) und der Feindschaft so mancher seiner Gefährten und aufgrund seiner Befürchtung, das Volk könne gespalten werden und zur Zeit der Unwissenheit zurückkehren, verschob der Prophet (s.) es und bat Allah um Schutz vor der Verschwörung der Heuchler. Zum zweiten Mal erschien ihm Gabriel in der Moschee Ḫīf und sprach dieselben Worte, ohne jedoch den Schutz vor den Heuchlern zu versprechen. Dann erschien er ihm zum dritten Mal auf dem Weg zwischen Mekka und Medina und sprach wieder dieselben Worte. Der Prophet (s.) antwortete darauf, er befürchte, dass die Leute ihn wegen der Ernennung ʿAlīs (a.) zum Nachfolger einen Lügner nennen und seine Worte nicht akzeptieren werden. Der Engel Gabriel erschien ihm zum vierten Mal an dem Ort Ġadīr Ḫum und nach der Wiederholung des Befehls Allahs wurde ihm versprochen, vor der Verschwörung der Heuchler geschützt zu werden. [3]

Andere Möglichkeiten

Weitere mögliche Ursachen sind über die Offenbarung dieses Verses überliefert worden, jedoch wurden sie von sunnitischen wie schiitischen Gelehrten kritisiert.

Offenbarung in Mekka

Einige Überlieferungen besagen, dass, als der al-Tablīġ-Vers in Mekka offenbart wurde und den Propheten (s.) verpflichtete, die Wahrheiten der Religion den Ungläubigen und den Götzendienern zu verkünden, schon Wächter ernannt wurden, die den Propheten (s.) vor seinen Feinden schützen sollten, aber nach der Offenbarung dieses Verses entließ der Prophet (s.) sie und sagte, dass Allah ihn gegen seine Feinde schützen würde. Schliesslich war er verpflichtet, Ungläubigen und Götzendienern die Wahrheiten der Religion ohne Sorge zu übermitteln. [4]

Kritik

Alle Exegeten stimmen darin überein, dass die Sure al-Ma'ida in Medina offenbart wurde[5] [6] und gemäß der Überlieferung von ʿAbd Allah Ibn ʿUmar ist sie die letzte offenbarte Sure. [7] Deshalb ist es falsch anzunehmen, dass der al-Tablīġ-Vers in Mekka herabgesandt und viele Jahre alleine rezitiert wurde, ohne mit irgendeiner weiteren Sure verbunden zu sein ref ʿĀšūr, B. 6, S. 256.</ref>

Darüber hinaus betrachten manche Gelehrte die Überlieferungen, die behaupten, dass der Prophet (s.) durch einige Wächter in Mekka beschützt wurde als unglaubwürdig.[8]

Verkündigung an die Ahl al-Kitāb

Einige wiederum erwähnten,dass der Tablīġ-Vers in Medina mit dem Ziel offenbart wurde, den Propheten (s.) zu verpflichten, die offenbarten Wahrheiten der Ahl al-Kitāb (dem Volk des Buches, d. h. den Juden und Christen) ohne Sorge zu übermitteln. [9] Nach Abū Ḥayyān betraf die Botschaft, die der Prophet (s.) verkünden sollte, den Befehl zur Steinigung und Vergeltung (Qiṣāṣ), der von den Juden und Christen in der Thora und im Evangelium verzerrt, schriftverfälscht und verändert wurde.[10]

Er argumentiert, dass das Thema des al-Tablīġ-Verses sich nicht vom Thema der vorherigen und der nachfolgenden Verse, welche die Ahl al-Kitāb behandeln, unterscheiden sollte.

Kritik

Gemäß historischer Quellen, verloren nach den Schlachten zwischen den Muslimen und Juden, vorallem nach der Schlacht von Ḫaibar und Banū Quraiẓa, die Juden ihre Macht und durch die Besetzung ihrer Schlösser und der Vertreibung vieler von ihnen aus Medina schwand auch ihr Einfluss.[11] Die Christen hatten keine Macht mehr in Ḥiğāz und vor allem nicht in Medina. Mubahala[12] (Ritual der gegenseitigen Verfluchung, im Sinne eines Gottesurteils, um die Wahrheit zu erkennen) war das einzige Ereignis, bei dem die Christen eine Konfrontation mit den Muslimen anstrebten, dann aber darum baten, dieses Ritual doch nicht auszuführen.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Muslime in den letzten Lebensjahren des Propheten (s.) sehr mächtig waren, gab es keinen Grund für den Propheten (s.) sich darum zu sorgen, die Wahrheiten der Religion den Juden und Christen zu übermitteln. Darüber hinaus steht der Inhalt des al-Tablīġ-Verses den vorherigen und nachfolgenden Versen nicht fremd gegenüber. Der Kontext der Verse besteht darin, Juden und Christen zu verurteilen, die bestimmt dachten, dass die Muslime mit dem Ableben des Propheten (s.) ihre Macht und Herrschaft verlieren würden und sie dann wieder die Macht ergreifen könnten. Aber der al- Tablīġ-Vers, der die Ernennung eines Führers für die islamische Regierung nach dem Propheten (s.) behandelt, machte ihre Annahme zunichte. Diese Interpretation steht auch im Einklang mit dem al-Ikmāl-Vers, welcher nach der Ankündigung von Imam 'Alīs Führerschaft offenbart wurde.[13] [14] [15]

Wichtige Punkte

Bedeutung dieser Botschaft

Dieser Vers beschreibt ausdrücklich die Wichtigkeit und Sensibilität der Botschaft. Denn durch das Versagen, diese Botschaft zu verkünden, wäre die ganze von Gott übertragene prophetische Mission als nicht erfüllt zu betrachten. Daher kann man sich nicht mit dieser Botschaft über theologische Fragen wie die Einheit Gottes (tauḥīd), das Prophetentum (nubuwwat) oder die Auferstehung bzw. das jenseitige Leben (maʿād) oder rechtswissenschaftliche Fragen wie die Rechtsentscheide (aḥkām) des Gebets, Fastens und der Pilgerfahrt nach Mekka (Ḥağ) beschäftigen. Der Grund liegt darin, dass die Sure al-Mā'ida zu den letzten offenbarten Suren gehört und die erwähnten Rechtsentscheide bereits vor der Offenbarung dieser herabgesandt wurden. Es kann gesagt werden, dass es sich hier um ein Thema handelt, das neben seiner Bedeutung und Neuheit eine Ergänzung der prophetischen Mission des Propheten (s.) ist und nichts weiter als die Führung der muslimischen Regierung nach dem Propheten (s betrifft.).

Die Sorge des Propheten (s.)

Aufgrund der Sensibilität des Themas war der Prophet (s.) wegen der Verkündigung der Botschaft sehr besorgt, aber Gott nahm sie ihm durch die Offenbarung des Versteiles "Allah wird dich vor den Menschen beschützen". In diesem Vers ging es nicht um die Götzendiener der Quraiš oder um die Ahl al-Kitāb. Mit "Menschen" (nās) werden hier die "Heuchler" in der islamischen Gesellschaft angesprochen. Der Prophet (s.) machte sich Sorgen um ihre Opposition und ihre Sabotage, weil: Imam ʿAlī (a.) war als eine ernste und unbeugsame Persönlichkeit in religiösen Angelegenheiten bekannt.[16]

Neu-Muslime (besonders aus dem Stamm der Quraiš) hegten einen tiefen Groll auf ʿAlī (a.), da er bereits einige ihrer Verwandten in so manchen Schlachten getötet hatte.

ʿAlī (a.) war 33 Jahre alt, als der Prophet (s.) verstarb. Die arabische Gemeinschaft konnte ihn nicht leicht akzeptieren, denn für sie war das Alter und die Altersweisheit eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Führerschaft. Diese Haltung, während der Führung durch den Propheten (s.), spiegelte sich in den Einwänden wider, die während seines Lebens zweimal auftrat: Im Feldzug nach Tabūk, wo der Prophet Muhammad (s.) den jungen ʿAlī (a.) als seinen Stellvertreter in Medina einsetzte und als er in seinen letzten Lebenstagen den jungen Usama Ibn Zaid zum Oberbefehlshaber der Armee ernannte.[17]

Fußnoten

  1. Qumī, B. 1, S. 179; ʿAyyāšī, B. 1, S. 331-332; Feiḍ Kāšānī, B. 2, S. 51; Kulainī, B. 1, S. 290; Ḥuwaizī, B. 1, S. 653-655; Baḥrānī, B. 1, S. 490; ʿAllāma Ṭabāṭabāʾī, B. 6, S. 48.
  2. Suyūṭī, B. 2, S. 298; Ālūsī, B. 6, S. 194; Nīšābūrī, B. 1, S. 250.
  3. Faḍl Ṭabarsī, B. 3, S. 344; 1408, überliefert von Ḥākim Ḥaskānī
  4. Ṭabarī, Ğāmiʿ, B. 4, Abschnitt 6, S. 198-199; al-Ṯaʿalibī, B. 1, S. 442; Suyūṭī, B. 2, S. 298.
  5. Ibn ʿAṭīyya, B. 5, S. 5.
  6. Qurṭubī, B. 3, Abschnitt 6, S. 30.
  7. Tirmiḏī, B. 5, S. 261, überliefert von ʿAbd Allah Ibn ʿUmar; Ṭūsī, B. 3, S. 413.
  8. Ibn Kaṯīr, B. 2, S. 132.
  9. Ṭabarī, Ğāmiʿ, B. 4, Abschnitt 6, S. 198; Faḫr Rāzī, B. 12, S. 50; Abū Ḥayyān, B. 3, S. 529.
  10. Abū Ḥayyān, B. 3, S. 529.
  11. Sura al-Aḥzāb, Verse 26-27; Sura al-Ḥašr, Verse 2-4.
  12. Sura Āl ʿImrān, Vers 61.
  13. Ṭūsī, B. 3, S. 435.
  14. Faḍl Ṭabarsī, 1408, B. 3, S. 246.
  15. Ḥuwaizī, B. 1, S. 587-590.
  16. Abu l-Futūḥ Rāzī, B. 4, S. 276.
  17. Ṭabarī, Tārīḫ Ṭabarī, B. 3, S. 186; Ibn Abī l-Ḥadīd, B. 1, S. 159.