At-Taṭhīr Vers

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Als Taṭhīr-Vers (Reinheitsvers) (arabisch: آیة التطهیر) wird der Vers 33 in der Sura 33 Aḥzāb im Heiligen Qur'an bezeichnet, in der die absolute Reinheit der Ahl al-Bait (a.) durch Allah bescheinigt wird. Die Theologen und schiitischen Gelehrte bedienen sich dieses Verses, um die Fehlerlosigkeit (ʿIṣmat) der Imame (a.) der Schiiten zu belegen.

Der Text

                    إِنَّمَا یُرِیدُ اللهُ لِیُذْهِبَ عَنْکُمُ الرِّجْسَ أَهْلَ الْبَیتِ وَ یُطَهِّرَکُمْ تَطْهِیراً
"... Gott möchte ja die Unreinheit von euch nehmen, "ihr Leute des Hauses", und euch ganz und gar reinigen." (33:33)

Herabsendungsanlass

In einigen Überlieferungen (Aḥādīṯ) heißt es, dass der obige Vers im Haus von Umm Salama, Ehefrau des Heiligen Propheten (s.), offenbart wurde. Bei der Offenbarung des Verses waren Ali (a.), Fāṭima al-Zahrāʾ(s), al-Ḥasan (a.) und al-Ḥusain (a.) anwesend. Zu diesem Zeitpunkt umhüllte der Heilige Prophet (s.) sie mit seinem Umhang (Kisā), auf dem er saß, streckte dann seine Hand zum Himmel und sprach: "Oh, Allah, diese vier Personen gehören zu den Leuten des Hauses Ahl al-Bait, reinige sie von allen Verunreinigungen!" Umm Salama fragte dann den Propheten, ob sie auch dazu gehöre. Er (s.) antwortete darauf, sie gehöre zu den Ehefrauen des Gesandten Allahs, Rasūlallah (s.), und sie sei auf einem guten Weg. [1]

Argumente für den Vers

Der Vers ist als Taṭhīr-Vers bekannt. [2] In diesem Zusammenhang werden Argumente angeführt, in denen der Taṭhīr-Vers auf die absolute Reinheit der Ahl al-Bait (a.) hindeutet:

Der Reinheitsteil des Verses beginnt mit "Innamā" (إِنّما), das laut den Philologen der arabischen Sprache verwendet wird, um auszudrücken, dass etwas nur für die genannte Person oder Sache gilt oder nur einem bestimmten Personenkreis vorbehalten ist. Also gemäß des obigen Verses weist es auf eine Art Monopol hin und darauf, dass Allah die Ahl al-Bait (a.) vollkommen von Sünden fernhalten und seinen Willen bezüglich ihrer Reinheit durchsetzen wollte. Weiterhin hat die Phrase "ʿankum" Priorität vor dem "al-Riğs" und steht an erster Stelle. Nach der arabischen Sprachwissenschaft hebt solche Priorität, das Monopol noch mehr hervor. Die weitere Phrase "yuṭahhirakum" (euch ganz und gar reinigen) hinter der Phrase "liyuḏhiba ʿankumur-Riğsa" (die Unreinheit von euch nehmen) macht eine weitere Hervorhebung und weist mit Nachdruck auf die Reinheit hin. Außerdem steht das Wort "Taṭhiran" im Objekt und betont die Reinheit im hohen Maße. Darüber hinaus besitzt das Wort "Riğs" den Artikel "al" (alif und lām) [3] am Anfang. Dadurch wird das Wort allgemein. Deshalb umfasst "al-Riğs" jede Art von moralischer und praktischer Unreinheit wie Götzendienst, Unglauben, Heuchelei, Unwissenheit und Sünde. [4]

Was bedeutet al-Riğs?

Die Exegeten (Mufasirīn) sind unterschiedlicher Auffassung über die Bedeutung von al-Riğs. Das Wort hat unterschiedliche Bedeutungen wie Sünde, Unfug, Satan, Götzendienst, Zweifel, Geiz, Gier, Trieb und unerlaubte Erneuerungen in der Religion. [5] Der Ansicht der schiitischen Gelehrten und Exegeten nach bedeutet die Reinigung der Ahl al-Bait (a.) von Verunreinigungen: "Fernbleiben von Sünden" (ʿIṣmat) und den Gehorsam Allah gegenüber zu erlangen“. [6] Gemäß manchen schiitischen und sunnitischen Quellen legte der Prophet (s.) den Vers wie im Folgenden dar:

Meine Ahl al-Bait und ich wurden von Sünden gereinigt. [7] Imam Ali (a.) hat hinsichtlich dieses Verses beim Vorfall von Fadak argumentiert, dass seine Ehefrau Fāṭima al-Zahrāʾ(s) von Sünden gereinigt sei. [8]

Wer sind die Ahl al-Bait (a.)?

Die Interpreten vertreten gegensätzliche Ansichten darüber, wer mit den Ahl al-Bait (a.) gemeint ist. Viele Sihāba wie Anas Ibn Mālik, Abū Saʿīd Ḫudrī, Umm Salama, ʿAiša, Saʿd Ibn Abī Waqqās, ʿAbdullāh Ibn Ğaʿfar und ʿAbdullāh Ibn ʿAbbās glauben, dass nur vier Personen ʿAlī (a.), Fāṭima al-Zahrāʾ(s), al-Ḥasan (a.) und al-Ḥusain (a.) zu den Ahl al-Bait des Propheten gehören. Die Zwölf Imame der Schiiten stimmen diesem Standpunkt zu und halten ihn für richtig. [9]

Der zweiten Meinung nach, zielt der Vers auf die Ehefrauen des Propheten (s.) ab, weil der erste Versteil ihre Pflichten behandelt. ʿIkrima Maulā Ibn ʿAbbās und Muqātil Ibn Sulaimān vertreten diese Ansicht. [10]

Der dritten Meinung nach, die dem Zaid Ibn Arqam, einem Sihāba des Propheten zugeschrieben wird, betrifft der Vers diejenigen, an die keine Zakāh entrichtet werden darf bzw. der Empfang von Zakat für diese nicht erlaubt sei. Er hat seine Überlegungen mit der Feststellung abgeschlossen, dass die Angehörigen des Propheten (s.) wie Āl ʿAlī, Āl ʿAqīl und Āl Ğaʿfar Ibn Abī Ṭālib zu den Ahl al-Bait (a.) gehören. Und mit Taṭhīr in dieser Darstellung ist die Reinigung vom Empfangen und Verbrauch von Zakāh und Spenden (Ṣadaqa) gemeint. [11]

Aḥmad Ibn Ḥanbal hat mehrmals an verschiedenen Stellen seines Buches "Musnad", überall mit dem ähnlichen Inhalt, überliefert, dass der Prophet (s.), seine Tochter Fāṭima al-Zahrāʾ(s), ihren Ehemann (a.) und ihre beide Söhne (a.) als Ahl al-Bait präsentiert hat. [12] Er überliefert auch in seinem Buch Faḍā'l al-Ṣaḥāba, dass der Prophet (s.) in einem Zeitraum von 6 Monaten beim Ausgehen zur Moschee zum Verrichten des Morgengebets, rief, als er das Haus seiner Tochter Fāṭima al-Zahrāʾ(s) erreichte: "Oh, Ahl al-Bait! Das Gebet, das Gebet! Oh, Ahl al-Bait! Allah will alle Verunreinigung von euch fernhalten, ihr Ahl al-Bait, und euch rein und lauter machen." [13]

Aus schiitischer Sicht

Das Erscheinen des Taṭhīr-Verses stimmt, nach schiitischer Ansicht, mit der ersten Meinung überein, in der der Begriff "Ahl al-Bait" sich auf ʿAli (a.), Fāṭima al-Zahrāʾ(s), al- Ḥasan (a.) und al-Ḥusain (a.) bezieht. Denn, wenn mit den Ahl al-Bait (a.), die Ehefrauen des Heiligen Propheten gemeint wären, müssten dann die Pronomen im Reinheitsteil des Verses auch feminin sein, (ʿankunna, عنکن und yuṭahhirakunna, یطهرکن) statt maskulin (ʿankum, عنکم Und yuṭahhirakum, یطهرکم). [14]

Es gibt die Antwort auf die Frage, warum während der Darstellung der Pflichten der Ehefrauen des Propheten, eine Aussage geäußert wird, die sie nicht betrifft. Eine Auffassung besagt, dass solche Art zu sprechen bei den arabischen Literaten üblich und bekannt ist. Man trifft im Qurʿan viele Verse, die zwar nebeneinander stehen, jedoch unterschiedliche Themen behandeln. Die Überlieferungen geben es zu verstehen, dass der Reinheitsteil des Verses früher oder später als der erste Versteil, der sich mit den Pflichten der Ehefrauen des Propheten befasst, hinabgesandt worden ist, aber diese zwei Versteile wurden später bei der Zusammenstellung des Qurʿan nebeneinander gestellt. [15]

Eine Auffassung, die von den Schiiten geteilt und als eine mutawātir Ḥadīṯ bezeichnet wird, (das ist eine Überlieferung, die zahlreich von verschiedenen Personen in einer Weise berichtet wird, dass an ihrer Echtheit keine Zweifel bestehen.) besagt, dass sich der Begriff auf die Aṣḥāb al-Kisā bezieht. [16]

Von den Imamen der Schiiten wird überliefert, dass der Begriff Ahl al-Bait zusätzlich zu den edlen Propheten auch Ali (a.), Fātima (a.), al-Ḥasan (a.) und al-Ḥusain (a.) (diese fünf Personen (Panğtan)) sowie die neun unfehlbaren Imame (a.) –Nachkommen des Imam al-Ḥusain (a.)– umfasst. [17]

Ibn Kaṯīr, der sunnitische Gelehrte, zitiert in seinem Kommentar zum Taṭhīr-Vers von Imam al-Ḥasan (a.), der von der Kanzel herab predigte: "Wir sind die Ahl al-Bait, über die Allah den Vers al-Taṭhīr offenbart hat." Er überliefert auch von Imam as-Sağğād (a.), dass er (a.) auf die Frage eines Mannes aus Damaskus Šām, wer die Ahl al-Bait sind, antwortete: "Wir sind die Ahl al-Bait." [18]

Siehe auch

Ahl al-Bait

Ḥadīṯ al-Kisā

Fußnoten

  1. al-Tirmiḏī, B. 5, S. 699; Ibn Babawaih, B. 2, S. 403.
  2. Rāḍī, S. 7.
  3. Dies heißt Ğins-alif und lām
  4. Rāḏī, S. 7.
  5. Ibn Babawaih, S. 138.
  6. Mufīd, S. 27; Šūštarī, S. 147-148; Ṭabāṭabāʾī, B. 16, S. 313.
  7. Dalāʾl al-nubuwwa, B. 1, S. 171; Imtāʿ al-asmāʿ, B. 3, S. 208, فأنا و أهل بیتی مطهرون من الذنوب (Fa ana wa Ahl Baitī Muṭahharūn min al-Ḏunūb)
  8. Kāmil Bahāʾī, ʿImād Ṭabarī, S. 256.
  9. Ibn ʿAṭīyya, B. 13, S. 72; Ibn Kaṯīr, B. 3, S. 799; Šūkānī, B. 4, S. 279.
  10. Ibn Kaṯīr, B. 3, S. 798; Šūkānī, B. 4, S. 278.
  11. Muslim, B. 2, S. 1874; Ibn Kaṯīr, B. 3, S. 802; Šūkānī, B. 4, S. 278.
  12. Musnad Aḥmad Ibn Ḥanbal, B. 1, S. 331; Musnad Aḥmad Ibn Ḥanbal, B. 4, S. 107; Musnad Aḥmad Ibn Ḥanbal, B. 6, S. 292.
  13. Aḥmad Ibn Ḥanbal, Faḍā'l al-Ṣaḥāba, B. 2, Forscher: Waṣī Allah Ibn Muḥammad ʿAbbās, Mekka: Ğāmiʿa Umm al-Qurāʾ, 1403 n. H./1983 n. Ch., S. 761.
  14. Qurṭabī, B. 14, S. 183; Abū Ḥayyān al-Andalusī, B. 7, S. 231; Ḥusainī ,Ṭehrānī S. 290-292.
  15. Ṭabarsī, Mağmaʿ al-bayān, B. 8, S. 560; Ṭabāṭabāʾī, B. 16, S. 311.
  16. Ibn Ḥakam, S. 297-311; Kūfī, S. 331 u. 340; Ṭūsī, B. 8, S. 339; Ṭabarsī, Mağmaʿ al-bayān, B. 8, S. 155-157; Ibn Ṭāwūs, S. 215; Ṭabāṭabāʾī , B. 16, S. 311.
  17. Kulainī, B. 1, S. 423; Ṭabarsī, al-Iḥtiğāğ, B. 2, S. 34.
  18. Ibn Kaṯīr Damišqī, Auslegung des Heiligen Qur'an, B. 6, Forscher: Muhammad Ḥusain Šams al-dīn, 1419 n.H. S. 371.