Entwurf:Barmherziger Islam
Barmherziger Islam beschreibt eine Lesart des Islams, die auf Barmherzigkeit und Mitgefühl basiert und sich bewusst von Gewalt und Extremismus distanziert. Verfechter dieser Lesart betonen, dass der Islam im Umgang mit gegensätzlichen Ansichten Flexibilität zeigt, den Dialog priorisiert, Freiheit fördert und sich von Exklusivismus, Starrheit und Engstirnigkeit abwendet. Unter den Befürwortern dieser Sichtweise gibt es jedoch Meinungsverschiedenheiten darüber, ob die Barmherzigkeit ein wesentlicher Bestandteil des Islam ist oder erst später hinzugefügt wurde, sowie darüber, ob diese Sichtweise mit einer islamischen Regierung kompatibel ist. Zu den prominenten Unterstützern des barmherzigen Islam gehören unter anderem Mohsen Kadivar und Abdulkarim Sorusch.
Aus Sicht von Seyyed Ali Khamenei, einem schiitischen Rechtsgelehrten und Oberhaupt der Islamischen Republik Iran, ist der barmherzige Islam eine synkretistische Idee, die von liberalen Prinzipien beeinflusst wird. Er und Abdullah Javadi Amoli vertreten als Gegensatz zum Barmherzigen Islam und zu gewaltorientierten Interpretationen des Islam die Idee des „reinen Islam“, der sowohl Vernunft betont als auch Widerstand gegenüber feindlichen Einflüssen zeigt, dabei jedoch Gewalt und das gegenseitige Verdammen strikt ablehnt. Kritiker des barmherzigen Islam argumentieren zudem, dass diese Sichtweise die Religion auf das Jenseits beschränkt und zu übermäßiger Toleranz oder zu Fahrlässigkeit bezüglich der religiösen Regeln führen könnte.
Der Gedanke des barmherzigen Islam findet sich unter Denkern verschiedener islamischer Strömungen. Es wird jedoch behauptet, dass diese Idee insbesondere im Kontext des politischen Systems der Islamischen Republik Iran, also innerhalb des schiitischen Islam stärker in Erscheinung getreten ist. Als eine intellektuell-soziale Strömung lässt sich der Ursprung dieser Gedanken auf das Ende der 1980er Jahre zurückverfolgen.
Barmherzige Interpretation des Islam
Der Begriff „Barmherziger Islam“ bezieht sich auf eine Interpretation von islamischen Glaubensüberzeugungen, die laut ihren Vordenkern Dialog, Pluralismus, Freiheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden hervorhebt. Im Gegensatz dazu weisen sie andere Auslegungen der islamischen Lehren als exkludierend, engstirnig und dogmatisch seiend zurück. Diese Denker befinden viele Auffassungen des Islam als gewaltfördernd und extremistisch.[1] Mohsen Kadivar klassifiziert den barmherzigen Islam gegenüber Formen wie dem faschistischen Islam, talibanischen Islam und der schwarzen, rigiden Auslegung des Islam.[2]
Natur des barmherzigen Islam
Mohsen Kadivar, einer der Vordenker des barmherzigen Islam, vertritt die Ansicht, dass der Islam von Natur aus eine barmherzige Dimension besitzt. Doch durch den Einfluss von brutalen vorislamischen Traditionen und einer Vernachlässigung seiner ursprünglichen Ziele habe der Islam nach und nach jene Eigenschaften verloren.[3] Auch aus den Äußerungen von Persönlichkeiten wie Akbar Haschemi Rafsanjani, Seyyed Mohammad Khatami und Hassan Ruhani lasse sich ableiten, dass die Natur des Islam barmherzig ist. Abdulkarim Sorusch hingegen argumentiert, dass der Islam zu Beginn keinen barmherzigen Aspekt aufwies und erst mit der Zeit in den Überlegungen muslimischer Denker sich diese Aspekte allmählich entwickelt hätten. In seiner Theorie von „Religion und Macht“ präsentiert Sorusch diesen Ansatz unter Bezugnahme auf seine Konzepte der „Erweiterung der prophetischen Erfahrung“ sowie der „Engführung und Erweiterung der theoretischen Scharia“.[5]
Barmherziger Islam versus historischer Islam
Anhänger des barmherzigen Islam unterscheiden zwischen einem historischen und einem spirituellen Islam. Der historische Islam orientiert sich an den zeitlichen und räumlichen Gegebenheiten, wohingegen der spirituelle (barmherzige) Islam sich auf die essenziellen Prinzipien und Ziele der Religion konzentriert, unabhängig von den spezifischen Umständen seiner Zeit.[6] Mohsen Kadiwar betont, dass eine richtige Interpretation des Islam durch eine Abkehr von der historischen Perspektive möglich sei; vielmehr müsse man sich auf Rationalität und die ursprüngliche Essenz der Religion stützen.[7] Seyyed Mohammad Ali Ayazi fügt hinzu, dass im Rahmen des barmherzigen Islam die zentralen Prinzipien der Religion sowie die meisten religiösen und transaktionellen Gesetze weiterhin Gültigkeit besitzen. Jedoch bedürfen einige Regelungen und Rituale, die aufgrund unterschiedlicher zeitlicher und räumlicher Kontexte von ihrer barmherzigen Natur abgewichen sind, einer neuen Auslegung.[8]
Grundlagen der religiösen Erkenntnis im Barmherzigen Islam
Mohsen Kadiwar betrachtet die Zufriedenheit und Barmherzigkeit Gottes als zentrale Grundlage der Theorie des Barmherzigen Islam. Darüber hinaus betont er auch die Bedeutung der Vernunft in der religiösen Erkenntnis. Seiner Ansicht nach kann keine vernunftwidrige Aussage glaubwürdig sein, und jedes Urteil muss mit dem gesunden Menschenverstand übereinstimmen.[9] Ebenso hebt Kadiwar die Notwendigkeit hervor, Wissenschaft und modernes Wissen in die Interpretation des Islam einzubeziehen. Er ist der Auffassung, dass moderne Geisteswissenschaften zusammen mit islamischen Disziplinen zu einem besseren Verständnis über den Islam beitragen können.[10]
Gerechtigkeit, Ethik und Menschenrechte im Barmherzigen Islam
Es heißt, dass in einer barmherzigen Lesart des Islam Gerechtigkeit und Ethik grundlegende Prinzipien sind, welche die islamische Lehre prägen. Urteile und Rechtssprüche, die mit sozialer Gerechtigkeit unvereinbar sind werden als nicht akzeptabel betrachtet.[11] Ebenso muss jede Entscheidung im Einklang mit ethischen Maßstäben stehen.[12] Auf dieser Basis ist der Barmherzige Islam auf menschliche Freiheit und Selbstbestimmung ausgerichtet. Zudem wird behauptet, dass der Islam den Schutz von Leben, Eigentum, Ehre und Freiheit aller Menschen – unabhängig von deren Religion oder Konfession[13] – als wichtig erachtet und jede Form von Zwang und Druck in religiösen Angelegenheiten ablehnt.[14]
Verhältnis von Religion und Politik im Barmherzigen Islam
Vertreter des Barmherzigen Islam betrachten im Rahmen Regierung und Politik, Demokratie als die beste Methode zur Verwaltung einer Gesellschaft und sind der Ansicht, dass in einer demokratischen Gemeinschaft die Macht beim Volke liegt und die Regierung entsprechend dessen Willen und Zustimmung geformt werden sollte.[15] Kadiwar sieht die Unabhängigkeit der Institution Religion von der Institution Politik als eine zentrale Säule des Barmherzigen Islam und lehnt jegliche staatlichen Eingriffe in religiöse Angelegenheiten ab. Laut ihm sollten Religion und Politik unabhängig voneinander agieren.[16] Dennoch existieren auch alternative Interpretationen des Barmherzigen Islam, in denen Religion und Politik möglicherweise nicht strikt voneinander getrennt sind – beispielsweise in Ansichten bekannter Persönlichkeiten wie Akbar Haschemi Rafsanjani, Seyyed Mohammad Khatami oder Hassan Ruhani. Diese betonen oft, dass Islam und die Islamische Revolution auf barmherzigen Prinzipien basieren und sich gegen Gewalt und Fanatismus richten.[17] Zudem wird angemerkt, dass eine barmherzige Darstellung des authentischen Islam zu einem besseren Verständnis dieser Religion auf globaler Ebene beiträgt und die Ziele der Islamischen Republik im internationalen Kontext fördern kann.[18]
Historische Entwicklung
Obwohl die Vorstellung eines "gnädigen Islam" auch bei Denkern verschiedener Glaubensrichtungen und Länder zu finden ist[19], wird behauptet, dass der Hauptursprung dieses Ansatzes im schiitischen Islam und in Iran nach der Entstehung der Islamischen Republik liegt.[20] In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren nahm diese Lesart des Islam zunehmend eine gesellschaftlich-intellektuelle Gestalt an.[21]
Die ersten Hinweise auf eine barmherzige Interpretation des Islam zeigen sich in den Äußerungen von Personen wie Mehdi Bazargan, Ali Golzadeh Ghafuri, Seyyed Husain Nasr, Akbar Haschemi Rafsanjani, Muhammad Mujtahid Schabestari, Abdulkarim Sorush, Mustafa Malekian, Seyyed Mohammad Khatami, Mohsen Kadiwar und Hassan Ruhani.[22] Besonders Mohsen Kadiwar wird hierbei eine Schlüsselrolle in der Verbreitung dieses Gedankenguts zugeschrieben.[23] Kadiwar beruft sich dabei auf die Ideen des pakistanisch-amerikanischen Denkers Fazl ar-Rahman als Inspirationsquelle und sieht sich selbst als Begründer dieser Interpretation.[24]
Laut Forschern ist eines der bedeutendsten Konzepte des "gnädigen Islam" die soziale Islam-Philosophie von Fethullah Gülen in der Türkei, die als anatolischer Islam bekannt ist und stark von mystischen Strömungen beeinflusst sein soll. Gülen betont Werte wie Liebe und Mitgefühl und stellt den Islam als eine friedliche Religion dar, die im Einklang mit Modernität und Säkularismus steht.[25]
Der barmherzige Islam aus der Sicht von Kritikern
Kritiker der Lesart des barmherzigen Islam glauben, dass diese Perspektive versucht den Einfluss des islamischen Rechts (Fiqh) zu reduzieren und die Religion auf Weltlichkeit, permissive Werte sowie Toleranz und Entgegenkommen zu beschränken. Ihrer Ansicht nach stellt der barmherzige Islam eine modernistische Auslegung des Islam dar, die Gewalt verringern möchte und sich dabei über einige Grundsätze und Regeln der Religion hinwegsetzt.[27] Es wird behauptet, dass dieses Konzept vom protestantischen Ansatz im Christentum inspiriert ist und eine flexible Auslegungen der Religion ermöglicht.[28]
Laut einer Studie über die Ansichten Seyyed Ali Khameneis ist die barmherzige Interpretation vom Islam ein synkretistisches Konzept. Sie sei geprägt von einer falschen Weltanschauung sowie von Prinzipien wie Anthropozentrismus, Distanzierung vom Monotheismus, religiösem Pluralismus, der Betonung weltlicher Werte und der Einschränkung des Einflussbereichs der Religion auf das Jenseits. Aus Khameneis Sicht ist die korrekte Interpretation des Islam mit einem reinen, umfassenden und vollständigen Islam verbunden. Dieser Islam müsse nicht durch andere Denkschulen ergänzt werden, und es gelte, sich allen seinen Lehren zu verpflichten.[29]
Zudem wird darauf hingewiesen, dass das Konzept des barmherzigen Islam von Mohsen Kadiwar auch Probleme im Hinblick auf Gerechtigkeit aufzeige. Kadivar argumentiert, dass echte Gerechtigkeit durch den gesellschaftlichen Konsens verstanden werden müsse. Doch kollektive Vernunft könne niemals die Offenbarung ersetzen. Weiterhin stehe das Verständnis von Menschenwürde im barmherzigen Islam, das auf Humanismus beruht, im Widerspruch zu den Rechten Gottes – ein Konzept, das als fehlerhaft betrachtet wird.[30]
Ein anderer Artikel weist auf eine markante Polarisierung in der Haltung gegenüber dem politischen Islam hin. Auf der einen Seite stehen die Verfechter des barmherzigen Islam, auf der anderen die extremistischen und gewaltbetonten Lesarten des Islam, die auch als islamischer Radikalismus bezeichnet werden. In diesem Zusammenhang vertreten Seyyed Ali Khamenei und Abdollah Javadi Amoli eine dritte Sichtweise, die sich gegen Extreme und Übertreibungen positioniert. Dieses Modell basiert auf der Perspektive Imam Chomeinis zum politischen Islam und betont Rationalität, Wachsamkeit und Widerstand gegen Feinde, gleichzeitig aber auch die Ablehnung jeglicher irrationaler Konfrontationen und gewaltsamer sowie radikaler Ansätze.[31]