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Entwurf:Textbeleg für das Imamat

Aus wikishia

Nass im Kontext des Imamat (Arabisch: النصّ على الإمام) bezeichnen jene Koranverse oder Hadithe (Überlieferungen), die auf die gottgegebene Führungsautorität (Imamat) einer spezifischen Einzelperson oder einer bestimmten Gruppe verweisen. Diese Designation kann ihren Ursprung in einer göttlichen Willensäußerung, der Prophetenoffenbarung (s.), oder der Bestimmung durch den vorhergehenden Imam haben. Laut der Zwölfer-Schi’a erfordert die Legitimation des Imams eine eindeutige und unzweideutige Ernennung, wobei jeder Imam seinen Nachfolger explizit durch eine solche Nass designiert.

Es wird fundamental zwischen zwei Typen der Nass bezüglich des Imamat unterschieden:

  1. Die explizite Designation (Nass-e Ǧali): Hierbei wird das Imamat klar und unwiderruflich zugewiesen, wie dies exemplarisch im Hadith von Ghadir dargelegt wird.
  2. Die implizite Designation (Nass-e Ḫafi): Diese erschließt die Nachfolge nur indirekt aus dem Kontext des Textes, wie es etwa im Hadith al-Manzilät der Fall ist.

Des Weiteren existieren im Koran indirekte Anspielungen auf die Imame, deren Namen bewusst nicht explizit genannt werden, um der Gefahr von Manipulation und theologischer Verfälschung vorzubeugen.

Eine signifikante literarische Tradition widmet sich der Sammlung und Analyse dieser Nusus. Diese wissenschaftlichen Werke haben die Aufgabe, sämtliche Designationstexte für alle Imame zu kompilieren, spezifische Beweistexte wie den Hadith von Ghadir einer tiefgehenden kritischen Analyse zu unterziehen und die Ansprüche konkurrierender Sekten dezidiert zurückzuweisen. Bestimmte Gruppen erheben den Anspruch, dass ihnen Nusus des Propheten oder der Imame zugutekämen – referiert werden hierbei beispielsweise Abu Bakr, Ismaʿil, der Sohn des Imams Sadiq (a.), oder ʿAbdallah al-Aftaḥ. Die Gelehrten der Zwölfer-Schi’a weisen diese Behauptungen entschieden zurück. Demgegenüber vertreten sunnitische Rechts- und Glaubensschulen die Auffassung, dass nach dem Propheten keine formalisierte Nass für die Bestimmung des spirituellen und politischen Führers (Chalifa oder Imam) existiere; stattdessen sei die Nachfolge auf der Basis des kollektiven Willens (Iǧmaʿ) oder der Mehrheitsentscheidung der Gemeinschaft (Umma) zu legitimieren.

Begriffsbestimmung und Theologische Signifikanz

Nach der Auffassung des Scheich al-Mu’fid (gest. 413 n. H.), einem herausragenden Gelehrten der Imamiya, indiziert die “Nass” – gestützt auf koranische Prämissen und prophetische Überlieferungen (Sunna) – unzweifelhaft die Imamat eines designierten Imams.[1] Für ihn konstituiert die Existenz einer expliziten Nass nach dem Ableben des Propheten (s.) einen fundamentalen Differenzpunkt zwischen den schiitischen und sunnitischen Lehrmeinungen. Dies motivierte die Gelehrten der Imamiya zu intensiven Anstrengungen, sämtliche relevanten Textstellen zur Imamat von ʿAli (a.) zu kompilieren und zu systematisieren.[2]

Der Theologe des 9. Jahrhunderts n. H., Faḍil Miqdad, vertritt die These, dass eine Nass entweder unmittelbar durch göttliche Offenbarung in sprachlicher Form oder durch eine außergewöhnliche, beweisende Handlung erfolgen kann, welche die Autorität des Imams untermauert.[3] Analog hierzu präzisiert Ibn Maitham al-Bahrani (gest. 679 oder 699 n. H.), dass die Quelle der Nass sowohl beim Propheten als auch beim vorhergehenden Imam liegen kann, wobei die daraus abgeleitete Pflicht zum Imamat je nach Lexik oder Akt als indikativ bewertet wird.[4]

Klassifikation der Designation: Explizit und Implizit

Die Texte, die sich auf die Bestimmung des Imamat beziehen, werden in die Kategorien „Nass ğali“ (offenbar, klar) und „Nass ḫafi“ (verborgen, implizit) differenziert. Ein Nass ğali liegt vor, wenn das Imamat unmittelbar und ohne weiterführende hermeneutische Interpretation aus dem Wortlaut evident wird, wie beim Hadith von Ghadir.[5] Demgegenüber wird ein Nass ḫafi als ein solcher interpretiert, bei dem das Imamat lediglich durch den zugrundeliegenden Sinnzusammenhang erschlossen werden kann – ein klassisches Beispiel hierfür ist der Hadith al-Manzilah.[6] Aus Sicht der Imamiya ist die Eindeutigkeit der Nass für das Imamat unabdingbar, da die bloße Zuschreibung deskriptiver Attribute, wie etwa der Unfehlbarkeit (ʿiṣma), für den nicht-spezialisierten Laien kaum hinreichend zur Begründung einer Führungslegitimation ist.[7]

Sayyed Murtaza (gest. 436 n. H.) führte zudem eine wichtige epistemologische Unterscheidung ein: Eine Überlieferung, die exklusiv in schiitischen Kompendien tradiert wird, wird als „Nass ğali“ klassifiziert. Wird hingegen exakt derselbe Bericht auch in den Schriften sunnitischer Gelehrter rezipiert und anerkannt, erhält er die Qualifikation „Nass ḫafi“.[8]

Ansichten zum Nasṣ auf das Imamat nach dem Propheten

Die grundsätzliche Legitimität der Designation eines Imams mittels einer Nass wird zwar von der Gesamtheit der muslimischen Gelehrsamkeit anerkannt;[9] jedoch postuliert die Mehrheit der sunnitischen Rechtsschulen die Nichtexistenz einer direkten Nass des Propheten (s.) bezüglich seines Nachfolgers im Imamat.[10] Abu l-Ḥasan al-Aschʿari argumentiert in seiner Widerlegung einer solchen Designation damit, dass der Eid (Bai’a) des ʿUmar gegenüber Abu Bakr auf der Versammlung von Saqifa bei der Existenz einer klaren, autoritativen Nass ungültig und theologisch obsolet geworden wäre.[11] Sayyed Murtaza kontert diese sunnitische Position dezidiert, indem er auf eine Fülle von Nass-Texten verweist, die seiner Auffassung nach entweder explizit oder zumindest implizit das Imamat ʿAlis (a.) belegen.[12] Innerhalb der Zaidiya betrachtet Yaḥya ibn Ḥamza al-ʿAlawi, bekannt als al-Muʾayyad bi-llah (gest. 749 n. H.), eine klare Nass zugunsten des Imamat ʿAlis als eine spezifische Glaubensprämisse der Imamiya. Er selbst neigt zur Annahme, dass im Falle Alis lediglich eine verborgene Nass (Nass ḫafi) vorliege.[13]

Nusus (Textgrundlagen) zur Imamat der Schiitischen Imame (a.)

Koranische Nusus

Die koranischen Aussagen (Nusus), die das Imamat betreffen, lassen sich systematisch in drei Hauptkategorien gliedern: Erstens die Erwähnung der Imame im Rahmen historischer Erzählungen; zweitens die Designation von Imamen aus der Nachkommenschaft Ibrahims (a.); und drittens die Bestimmung der Imame aus dem Hause des Propheten (Ahl al-Bait). Zu dieser dritten Kategorie zählen insbesondere die Verse der Wilaya, der Reinheitsvers, Mawadda-Vers und Tabligh-Vers (Verkündigung). Nach der Darlegung von Muḥsin al-ʿAraki werden die konkreten Namen der Imame im Koran bewusst nicht explizit genannt, um das heilige Dokument vor jeder Form der Textverzerrung oder externen Manipulation zu schützen.[14] Im Einklang damit wird in einer Überlieferung aus al-Kafi von Imam as-Sadiq (a.) berichtet, der Koran beschreibe die fundamentalen Prinzipien und Attribute des Imamat, während die spezifische Identifikation der Personen der Autorität des Propheten überlassen blieb.[15]

Überlieferungstexte

Auch in den Überlieferungen des Propheten (s.) und der Imame finden sich zahlreiche Hinweise auf deren kanonische Nachfolger. Während schiitische Quellen sowohl die Anzahl als auch die spezifischen Namen der Imame anführen, beschränken sich sunnitische Traditionen mehrheitlich auf die Nennung der reinen Kalifenzahl.[16] Demzufolge vermitteln die Schriften der Schiiten sowohl die numerische Succession als auch die Identität der Nachfolger des Propheten. In einigen Überlieferungen wird lediglich der Name des ersten Imams (ʿAli) genannt,[17] wohingegen andere Textkorpora, wie etwa der Hadith al-Lawḥ, alle zwölf Imame namentlich listen.[18]

Die Basis des Imamitischen Glaubens beruht auf der Überzeugung, dass jeder Imam durch eine eindeutige Beweisführung (Naṣṣ) des Propheten oder seines unmittelbaren Vorgängers bestimmt wurde.[19] Demnach wurde Imam ʿAli (a.) durch die Naṣṣ des Propheten eingesetzt;[20] Imam Ḥasan (a.) durch die Naṣṣ des Propheten und die Bestätigung durch ʿAli (a.);[21] und Imam Ḥusain (a.) durch die Naṣṣ des Propheten, von ʿAli (a.) und von Imam Ḥasan (a.).[22] Dieses Prinzip der Designation durch Naṣṣ wurde konsequent von den übrigen neun Imamen in der jeweiligen Abfolge fortgeführt.[23]

Kontroversen um alternative Nusus anderer Gruppierungen

Abu Bakr

Einige Fraktionen, darunter die Bakriya sowie bestimmte Strömungen der Ḥanbaliya und der Charidschiten, postulieren die Existenz einer ausdrücklichen Nass des Propheten (s.) zugunsten Abu Bakrs als legitimen Nachfolger (Chalifa).[25] Eine mildere Interpretation, vertreten beispielsweise durch al-Bayhaqi, impliziert, der Prophet habe lediglich durch die Ernennung Abu Bakrs zum gemeinschaftlichen Gebetsvorbeter (Imam al-Ṣalat) indirekt auf dessen zukünftige Führungsrolle hingewiesen.[26] Die Mehrheit der sunnitischen Gelehrten (Ahl as-Sunna) lehnt diese These ab und hält an der grundsätzlichen Auffassung fest, dass keine explizite prophetische Textgrundlage die Nachfolge autoritativ geregelt habe.[27] Sayyed Murtaza hat diese Behauptung vehement zurückgewiesen und seine Kritik auf die mangelhafte Authentizität der Überlieferer (Ruwat), die Ambiguität der fraglichen Hadithe und das Vorliegen widersprüchlicher externer Beweismittel gestützt.[28] Darüber hinaus vertraten die Rawandiyya die Ansicht, der Prophet habe stillschweigend seinen Onkel al-ʿAbbas als Imam eingesetzt. Diese spezifische Meinung scheint in der Frühphase der abbasidischen Herrschaft politisch motiviert entstanden zu sein.[29]

Ismaʿil b. Ja‘far

In der Glaubenslehre der Ismaʿiliya wird Ismaʿil, der älteste Sohn von Imam Sajjad (a.), als der designierte Nachfolger seines Vaters betrachtet. Als ausschließlicher Beweisgrund für das Imamat Ismaʿils dient in dieser Schule ein eindeutiger Designationstext (Naṣṣ waḍiḥ).[30] Trotz dieses Dogmas ist in ismaʿilitischen Primärquellen kein expliziter Nachweis für die Imamat Ismaʿils beizubringen.[31] Zwar werden gelegentlich unautorisierte Überlieferungen von Ja‘far b. Mansur al-Yaman zitiert,[32] doch werden diese von der breiteren Forschung als wenig bekannt und fragwürdig erachtet.[33] Die Theologen der Zwölfer-Schia lehnen sämtliche Beweise für das Imamat Ismaʿils ab und führen als zentrales Gegenargument dessen Ableben während der Lebenszeit seines Vaters, Imam Sajjad (a.), an, was seine Nachfolge ausschließe.[34]

ʿAbd Allah b. Ja‘far (Aftah)

ʿAbd Allah ibn Ja‘far, ein weiterer Sohn Imam Sajjads (a.), erhob nach dem Märtyrertod seines Vaters ebenfalls Anspruch auf das Imamat, was zur Akzeptanz seiner Führerschaft durch eine spezifische Gruppe von Schiiten führte.[35] Es wird berichtet, dass einer der Gründe für seinen Anspruch in der testamentarischen Verfügung (Waṣiyya) Imam Sajjads (a.) lag,[36] in der fünf Personen, einschließlich ʿAbd Allah, als Erben (wasi) bestimmt wurden.[37]

ʿAllama al-Madsilisi relativiert diese Überlieferung, indem er auf die Schwäche der Überlieferungskette (Isnad) dieser Verfügung verweist. Er postuliert, dass die Benennung bestimmter Personen, wie Mansur ad-Dawaniqi und Ḥamida (der Ehefrau des Imams), auf dem Prinzip der Taqiyya (Vorsichtsdoktrin) beruhe.[38] al-Majlisi argumentiert weiter, dass Hamidas Status als Frau sie von der Übernahme des Imamat ausschließe. Wäre das erstgeborene Kind für die Führung qualifiziert gewesen, wäre die gleichzeitige Nennung des jüngeren Sohnes (Musa) überflüssig gewesen. Folglich deutet die Erwähnung beider Kinder in der Verfügung allein auf das Imamat von Musa ibn Ja‘far (a.) hin.[39]