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Entwurf:Treueschwur Imam Alis (a.) mit den Kalifen

Aus wikishia

Der Treueschwur Imam Alis (a.) mit den Kalifen bezieht sich auf die verschiedenen Standpunkte zur Zustimmung oder Ablehnung seiner Gefolgschaft gegenüber Abu Bakr, Umar und Uthman und zählt zu den kontroversen Themen der frühislamischen Geschichte.

Sunni betrachten diesen Treuschwur als freiwillige Anerkennung und als Beleg für die Rechtmäßigkeit der drei ersten Kalifen. Im schiitischen Verständnis hingegen ist das Imamamt ein göttlich verankertes Amt, das unabhängig von einer Gefolgschaft verstanden wird. Schiitische Gelehrte lehnen die Allegianz an sich entweder grundsätzlich ab oder werten sie als Folge von Widerwille, Zwang, religiöser Vorsicht (taqiyya) und Rücksichtnahme zur Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts der Muslime. Diverse historische Berichte, einschließlich der Ereignisse rund um den Angriff auf das Haus von Fatima (s.), werden als Belege für die erzwungene Allegianz herangezogen.

Darüber hinaus vertreten schiitische Experten die Auffassung, dass Imam Ali (a.), obwohl er sein Recht auf Nachfolge des Propheten (s.) beim Saqifah-Ereignis geltend machte, angesichts drohender Spaltung der islamischen Gemeinschaft und des Mangels an ausreichend loyalen Gefolgsleuten von einer praktischen Durchsetzung seines Anspruchs absah.

Bedeutung

Die Stellung der Treuebekundung Imam Alis (a.) gegenüber den drei ersten Kalifen zählt zu den kontroversen Themen der Frühzeit des Islam[1] und ist Gegenstand der Meinungsverschiedenheiten zwischen Schiiten und Sunniten.[2] Dieses Thema wird in theologischen, historischen und sektiererischen Werken beider Glaubensrichtungen eingehend behandelt.[3] Aus sunnitischer Sicht wird die Treuebekundung Imam Alis gegenüber den Kalifen als freiwillige Geste betrachtet, die zugleich ein politisches Zeichen der ersten Herrscher darstellt und zur Beilegung der politischen Differenzen nach dem Tod des Propheten (s.) beitrug.[4] Im schiitischen Verständnis hingegen wird die Imamat-Position als göttliche Ernennung angesehen, die unabhängig von einer Zustimmung durch das Volk besteht.[5] Vor diesem Hintergrund lehnen einige schiitische Gelehrte die Treuebekundung Imam Alis an die Kalifen grundsätzlich ab, während andere, die sie anerkennen, sie als Ausdruck von Zwang, Furcht oder taktischer Vorsicht (taqiyya) interpretieren.[6] Dennoch berichtete Scheich Saduq (381 n.H/991.) von einem Schreibstück, das dem Imam Mahdi (a.j.) zugeschrieben wird und die Treuebekundung der Imame gegenüber den damaligen Herrschern erwähnt.[7] Jedoch wertet der schiitische Historiker Sayyed Jafar Murtaza Amili (1441 n.H./2019) diese Treuebekundungen als erzwungen und sieht darin keinen Beleg für die Anerkennung der Legitimität der jeweiligen Machthaber.[8]

Begriff und Bedeutung der Treuebekundung

Hauptartikel: Treubekundung Die Treuebekundung (Bai’a) ist ein bewusster und freiwilliger Pakt zwischen dem Volk und einem Führer, welcher jedoch seine Gültigkeit verliert, wenn die erforderlichen Bedingungen nicht erfüllt sind, erläutert Muhammad Taqi Jafari (1377 n.i.S/1998), Kommentator des Nahj al-Balagha.[9] Laut Muhammad Taqi Mesbah Yazdi (1399 n.i.S/2020) bildet die Bai’a im sunnitischen Denken die Grundlage der Regierungslegitimation, während sie im schiitischen Verständnis lediglich als Ausdruck der Loyalität gegenüber einem Herrscher mit göttlich legitimierter Autorität gilt.[10]

Hat Imam Ali den Kalifen die Treue geschworen?

Unter den schiitischen Gelehrten existieren zwei unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Treueschwur-Leistung Imam Alis gegenüber den Kalifen:

Imam Ali hat den Kalifen nicht die Treue geschworen

Eine Reihe schiitischer Gelehrter, darunter Scheich Mufid[11] und Sayyid Murtaza[12] (verstorben 436 n.H./1044), vertreten die Ansicht, dass Imam Ali (a.) niemals den Kalifen die Treue geschworen habe. Khwaja Nasir al-Din Tusi (verstorben 672 n.H/1273), ein schiitischer Theologe[13], sowie Khwandmir (verstorben 942 n.H./1535), ein sunnitischer Historiker, berichten, dass dies als schiitischer Glaube angesehen wird.[14] Scheich Mufid argumentiert, dass die Verzögerung Imam Alis bei der Treueschwurleistung gegenüber Abu Bakr zeigt, dass eine Pflicht zur sofortigen Treue nicht bestanden habe; denn eine Verzögerung wäre bei einer verpflichtenden Handlung ein Fehler oder eine bewusste Ablehnung gewesen, was bei einem Unfehlbaren ausgeschlossen ist.[15]

Manche verstehen die Aussage Scheich Mufids dahingehend, dass ein freiwilliger Treueschwur abgelehnt wird, da ein erzwungener Treueschwur keine echte Treue darstellt.[16] Laut Maqatil ibn Atiya (gestorben 505 n.H./1111) ist selbst das Auflegen einer gebundenen Hand Imam Alis auf die Hand Abu Bakrs kein Zeichen eines Treueschwurs, vielmehr symbolisiert eine gebundene Hand Widerstand und Ablehnung.[17]

Scheich Tusi (verstorben 460 n.H./1067) überliefert eine Erzählung, die den ablehnenden Standpunkt Imam Alis gegenüber Abu Bakrs Aufforderung zum Treueschwur dokumentiert und zugleich seine eigene Eignung als Nachfolger des Propheten hervorhebt.[18] Muhammad Baqir Majlisi (gestorben 1110 n.H./1698) vertritt ebenfalls die Auffassung, dass Imam Ali auch sechs Monate nach Amtsantritt Abu Bakrs nicht mit ihm die Treue geschworen habe.[19]

Nach dieser Sichtweise war das Verhalten Imam Alis eher von Zurückhaltung und Schweigen geprägt, um seinen Anspruch nicht gewaltsam durchzusetzen, nicht jedoch im Sinne einer politischen Kompromisswahrung.[20] Dieser Standpunkt gewinnt besondere Relevanz angesichts der unklaren Situation für jene, die sich aufgrund der Loyalität zu Imam Ali der Treueleistung verweigerten.[21]

Erzwungene Treueschwurleistung Imam Alis gegenüber den Kalifen

Einige schiitische Quellen berichten, dass Imam Ali unter Druck und Bedrohung gezwungen wurde, den Kalifen die Treue zu schwören.[22] Der Historiker Rasul Jafarian verweist darauf, dass diese Auffassung auch innerhalb mancher sunnitischer Kreise vertreten wird.[23] Mehrere Berichte in sunnitischen Texten sprechen von Drohungen gegen Imam Ali durch führende Persönlichkeiten der Saqifa, um ihn zur Treue gegenüber Abu Bakr zu bewegen.[24]

At-Tabari, ein imamitischer Theologe des dritten Jahrhunderts n.H.., überliefert sieben Berichte, die auf Zwang und Bedrohung bei der Treueschwur-Leistung gegenüber Abu Bakr hinweisen.[25] Auch Al-Balazuri (gestorben 279 n.H./892) berichtet, dass der Treueschwur Imam Alis gegenüber Uthman unter Androhung eines Eingreifens durch Abd al-Rahman b. Awf erfolgte.[26] Ath-Thaqafi (gestorben 283 n.H/896) erwähnt in seinem Werk „Al-Gharat“ einen Brief Imam Alis, der darauf hindeutet, dass der Treueschwur unter Zwang zustande kam.[27] In Brief 28 des Nahdsch al-Balagha beschreibt Imam Ali seine erzwungene Treueschwur-Leistung als Ausdruck seines Leidens und seiner Unterdrückung.[28] Der Orientalist und Islamwissenschaftler Madelung (gestorben 2023) interpretiert die äußere Anerkennung Abu Bakrs durch Imam Ali nicht als tatsächliche Einigung, sondern als eine Handlung unter Zwang und Zwängen, die Abu Bakr bewusst war.[29]

Berichte über erzwungene Treuebekundungen

Hauptartikel: Das Ereignis des Angriffs auf das Haus von Fatima (s) Einige schiitische Quellen berichten über den Angriff auf das Haus von Fatima (s.) nach dem Vorfall von Saqifa, bei dem es darum ging, Imam Ali (a) zur Treueidleistung zu zwingen.[30] Mehrere Gefährten, die Ali (a.) unterstützten, suchten in Fatimas Haus Zuflucht und verweigerten die Treue.[31] Umar ibn al-Khattab drohte damit, das Haus anzuzünden, um Ali (a) zur Vorstellung bei Abu Bakr zu zwingen.[32] Auch manche sunnitischen Überlieferungen bestätigen den Angriff auf das Haus von Fatima mit Abweichungen in den Einzelheiten.[33]

Laut dem Werk „Al-Imama wa al-Siyasa“ aus dem 3. Jahrhundert n.H. schwor Imam Ali (a) Abu Bakr unter Androhung des Todes den Treueid.[34] Masudi, ein schiitischer Historiker (gest. 346 n.H./957), berichtet, dass Ali ibn Abi Talib (a) gegen seinen Willen zu Abu Bakr gebracht wurde; trotz gebundener Hände weigerte er sich diese zu öffnen, doch Abu Bakr nahm dennoch den gebundenen Handdruck als Eid an.[35]

Gründe für die erzwungene Treue oder die Zurückhaltung Imam Alis (a)

Hauptartikel: Das 25-jährige Schweigen von Imam Ali (a) Schiitische Gelehrte sehen in der Nicht-Leistung oder verzögerten Leistung des Treueeids durch Imam Ali (a) eine Maßnahme zum Schutz höherer Interessen und zur Vermeidung von Spaltungen innerhalb der islamischen Gemeinschaft.[36] Einige Berichte legen nahe, dass Imam Ali (a) einen Aufstand gegen Abu Bakr verhindert[37] und sich nur der Einheit der muslimischen Gemeinschaft zuliebe dem Treueeid gebeugt hat.[38]

Nach Al-Balazuri betrachtete Uthman die Verweigerung von Alis (a) Treue als Hindernis für die Einheit und die Teilnahme der Muslime an den Schlachten von Riddah, woraufhin Ali (a) schließlich seinen Eid ablegte.[39] Einer Überlieferung zufolge, die sowohl Sayyid Murtaza[40] als auch Scheich Tusi[41] überlieferten, stand Imam Ali (a) vor der Entscheidung, entweder Abu Bakr die Treue zu leisten oder der Abwendung der islamischen Gesellschaft vom Glauben. Der schiitische Historiker Rasul Jafarian erklärt, dass die Regierung erwartete, dass Ali (a) nicht nur den Eid leiste, sondern auch aktiv an den Riddah-Kriegen teilnehme – was er jedoch verweigerte.[42]

Historische Berichte zeigen, dass Imam Ali (a) bei der Eidleistung gegenüber den Herrschern nur geringe Unterstützung erhielt[43] und lediglich wenige seiner Gefährten bereit waren, ihn im Aufstand zu begleiten.[44] Der schiitische Historiker At-Tabari verweist darauf, dass der Prophet (s) von Ali (a) den Schwur erhalten hatte, bei Mangel an Unterstützung für die Durchsetzung seines Rechts Stillschweigen zu bewahren.[45]

Die Zustimmung Imam Alis (a.) zu den Kalifen aus Sicht der Sunniten

Die Gelehrten der sunnitischen Tradition betrachten die Zustimmung Imam Alis (a.) zu den Kalifen als Ausdruck seiner Zustimmung und sehen seine Unterstützung für die Kalifen als Bestätigung und Legitimation ihrer Herrschaft an.[46] Ibn Abi al-Hadid, ein Muʿtazilī-Gelehrter,[47] sowie Raschid Riza (gest. 1354 n.H./1935) – ein Kommentator von Nahj al-Balagha – vertreten die Ansicht, dass Ali (a.) im Interesse der Bewahrung der Einheit der islamischen Gemeinschaft Abu Bakr seine Treue schwor.[48] Dennoch sei laut Ibn Abi al-Hadid die Kaliphatswürde ihm eher zugestanden.[49] Mirhamid Hossein Lakhnawi, ein schiitischer Imam-Forscher, weist darauf hin, dass die in den glaubwürdigen sunnitischen Quellen überlieferten Überlieferungen zur verzögerten Treueeidleistung das Fundament des Konsenses von Saqifa (die kollektive Treueleistung an Abu Bakr) wesentlich infrage stellen.[50]

Ort und Zeitpunkt der Treueeidleistung gegenüber Abu Bakr

Die Berichte über den Ort der Treueeidleistung variieren[51] und nennen unter anderem die Moschee des Propheten (s.),[52] den Weg zwischen dessen Haus und der Moschee,[53] das Haus von Sa‘d ibn Ubadah[54] sowie das Haus Imam Alis (a.).[55] Auch der Zeitpunkt wird unterschiedlich angegeben. Nach Angaben von Scheich Mufid herrscht unter den Muslimen Einigkeit darüber, dass die Treue nicht unmittelbar erfolgte, sondern mit einer Verzögerung von mindestens drei Tagen.[56] Die historischen Quellen geben folgende Zeitpunkte an:

  • Vor der Beisetzung des Propheten (s.)[57]
  • Unmittelbar nach der Beisetzung des Propheten (s.)[58]
  • Nach der Zusammenstellung des Korans[59]
  • Vierzig Tage nach dem Ereignis von Saqifa[60]

Einige Quellen berichten zudem, dass Imam Ali (a.) erst nach dem Tod von Fatima (s.) den Treueeid leistete.[61] Demnach erfolgt die Treueleistung siebzig oder mehr Tage nach dem Tod des Propheten (s.)[62] oder nach sechs Monaten.[63]