Zum Inhalt springen

Islamisierung der Geisteswissenschaften

Aus wikishia

Islamisierung der Geisteswissenschaften bedeutet die Neudefinition und Rekonstruktion der Geisteswissenschaften auf Grundlage der erkenntnistheoretischen Prinzipien des Islam. Ziel dieses Ansatzes ist es Disziplinen wie Psychologie und Soziologie mit der islamischen Weltanschauung in Einklang zu bringen. Dieses Diskursfeld verbreitete sich nach der Islamischen Revolution Irans 1357 n.i.S. (1979 n. Chr.) im Iran und findet in den kulturellen und wissenschaftlichen Politiken des Landes Beachtung, sodass Institutionen wie der Hohe Rat der Islamischen Kulturrevolution in diesem Bereich Aufgaben übernehmen.

Diese Idee hat Befürworter und Gegner: Die Befürworter – darunter Sayyid Ruhollah Khomeini, Seyyed Ali Hosseini Khamenei, Morteza Motahhari und Seyyed Mohammad‑Baqer Sadr – betrachten sie als einen Schritt zur wissenschaftlichen und kulturellen Unabhängigkeit, während Kritiker wie Abdolkarim Soroush und Mostafa Malekian die Islamisierung der Wissenschaften als unvereinbar mit dem universalen Wesen der Wissenschaft ansehen.

Wesen und Bedeutung

Die Islamisierung der Geisteswissenschaften ist im Kern ein Versuch, diese Wissenschaften auf Grundlage islamischer Lehren neu zu definieren und zu reproduzieren, damit Disziplinen wie Psychologie, Soziologie, Management und Wirtschaft mit der islamischen Weltanschauung harmonisiert werden.[1] Die Idee der Islamisierung der Wissenschaft beruht auf der Annahme, dass Wissenschaft nicht von der Weltanschauung unabhängig ist und jedes Erkenntnissystem auf spezifischen philosophischen Grundlagen aufbaut.[2] Da moderne Geisteswissenschaften im Kontext der westlichen Zivilisation und auf Grundlage einer materialistischen und humanistischen Sichtweise entstanden sind, müssen sie in islamischen Gesellschaften rekonstruiert werden, um mit den religiösen Prinzipien vereinbar zu sein.[3]

Nach Ansicht von Forschern hat dieser Ansatz seine Wurzeln in den Gedanken von Seyyed Jamal al-Din Asadabadi und Mohammad Abduh.[4] Dieser Gedanke breitete sich nach der Islamischen Revolution im Iran aus.[5] Auch die Verbindung zwischen griechischer Philosophie und islamischen Lehren durch muslimische Philosophen gilt als historisches Beispiel dafür.[6]

Politik der Islamisierung der Wissenschaft im Iran

Im Iran wurden nach der Revolution verschiedene Institutionen für die Umsetzung der Politik der Islamisierung der Geisteswissenschaften eingesetzt. Der Hohe Rat der Islamischen Kulturrevolution leitete diesen Bereich seit den 1360 Schamsi-Jahren und verfolgte diesen Prozess durch die Bildung des „Spezialrats zur Transformation und Förderung der Geisteswissenschaften“ im Jahr 1388 Schamsi.[7] Universitäten und Forschungsinstitute wie die Akademie der Islamischen Wissenschaften, das Forschungszentrum Hawza und Universität, die Imam Sadiq(a.) Universität, die Baqir al-Ulum Universität und das Bildungs- und Forschungsinstitut Imam Khomeini (persisch: مؤسسه آموزشی و پژوهشی امام خمینی) wurden ebenfalls mit dem Ziel gegründet, islamische Geisteswissenschaften zu entwickeln.[8] Das Zentrum für Islamisch-Iranische Fortschrittsmuster (persisch: مرکز الگوی اسلامی ایرانی پیشرفت) erhielt den Auftrag, theoretische und einheimische Modelle in diesem Bereich auszuarbeiten.[9]

Die Politik der Islamisierung der Geisteswissenschaften spiegelt sich auch in den strategischen Dokumenten der Islamischen Republik Iran wider, darunter der Grundlegende Umwandlungsplan für Bildung,[10] die Fünf-Jahres-Entwicklungsprogramme,[11] das Dokument zur Transformation der Geisteswissenschaften,[12] die Kultur-Ingenieurkarte des Landes[13] und das Dokument der Islamischen Universität.[14]

Die praktischen Maßnahmen umfassen die Überarbeitung von Lehrbüchern,[15] die Einrichtung neuer Studiengänge wie Islamische Wirtschaft[16] und Islamische Psychologie,[17] die Durchführung von Konferenzen,[18] die Umsetzung von Forschungsprojekten[19] und die Benennung des 12. Dey n.i.S. (5. Januar) als Tag der islamischen Geisteswissenschaften.[20] Dennoch befindet sich diese Idee weiterhin auf der theoretischen und politisch-strategischen Ebene[21] und Faktoren wie die lange Dauer des Prozesses der Entwicklung religiöser Wissenschaften[22] sowie der Mangel an herausragenden Wissenschaftlern[23] werden als Gründe für die langsame Fortschrittsrate in diesem Bereich genannt.

Gegner und Befürworter der Islamisierung der Wissenschaft

Die Gegner der Islamisierung der Geisteswissenschaften betrachten Wissenschaft als ein universales Phänomen und halten ihre Einteilung in islamische und nicht-islamische Wissenschaften aus erkenntnistheoretischer Sicht für unbegründet.[24] Sie sind der Meinung, dass Religion im Bereich des Glaubens und der Ethik wirksam ist,[25] jedoch nicht in der Lage ist, empirische und soziale Probleme zu beantworten.[26] Abdolkarim Soroush, Mostafa Malekian[27] und Bijan Abdolkarimi gehören zu den Kritikern dieser Idee und betrachten die Kombination von empirischem Wissen und religiöser Erkenntnis als widersprüchlich.[28]

Im Gegensatz dazu zählen Persönlichkeiten wie Sayyid Ruhollah Khomeini, Seyyed Ali Hosseini Khamenei, Seyyed Mohammad Baqer Sadr, Morteza Motahhari, Abdollah Javadi Amoli, Mohammad Taqi Mesbah Yazdi, Ali Shariati, Seyyed Monir al-Din Hosseini al-Hashemi, Seyyed Hossein Nasr, Mohammad Mahdi Mirbaqeri, Ali Akbar Rashad, Alireza Arafi, Hamid Parsania und Abdolhossein Khosropanah zu den Befürwortern dieser Idee. Sie sehen die Islamisierung der Geisteswissenschaften als einen Schritt zur kulturellen und intellektuellen Unabhängigkeit der islamischen Gesellschaften und zur Befreiung von wissenschaftlicher Abhängigkeit vom Westen.[29]

«

«Muhyi al-Din Haʾiri Schirazi: Wir sollten die Leistungsfähigkeit der Humanwissenschaften nicht leugnen. Das Rezitieren und Auswendiglernen des Korans macht aus einem aufrichtigen Menschen einen Roboter, sofern es ohne die Fähigkeit zur Reflexion (tadabbur), ohne tiefes Verständnis und ohne ausreichende Einsicht (baṣīra) erfolgt. Und wir können dem Westen keinen Vorwurf daraus machen, dass er in den Humanwissenschaften vorangeschritten ist. Sie betreiben kontinuierlich Forschungsarbeit und produzieren humanwissenschaftliches Wissen. Wir hingegen übersetzen nur beständig und konsumieren lediglich das Vorgefertigte. Wir müssen den Preis für die Eigenproduktion der Humanwissenschaften entrichten. Es zeugt nicht von Klugheit, wenn sie produzieren und wir ihre Erzeugnisse beständig übersetzen… Solange wir die Humanwissenschaften nicht auf Grundlage unserer eigenen Prinzipien hervorbringen und uns mit Übersetzungen begnügen, werden wir den Preis dafür zahlen müssen.»[30]

»

Fußnoten

  1. ↑ Vgl. Ḫusrawpānāh, Falsafe-ye ʿulūm-e ensānī, S. 129; Šarīfī, Rūššenāsī-ye ʿulūm-e ensānī-ye islāmī, S. 49–50; ʿAlwānī, Islāmīyat al-maʿrifa baina al-ams wa-l-yaum, S. 19.
  2. ↑ Golšānī, Olgu-ye islāmī-īrānī-ye towseʿe-ye ʿelm, S. 96.
  3. ↑ Vgl. Mowaḥḥed Abṭaḥī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, S. 12–14.
  4. ↑ Mowaḥḥed Abṭaḥī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, S. 35–46.
  5. ↑ Sanad-e tolīd-e ʿulūm-e ensānī-ye islāmī, S. 10–12.
  6. ↑ Ṭāhiriyān, «مدلی برای تحول و اسلامی سازی علوم با اقتباس از شکل گیری فلسفه اسلامی در دوران اوج تمدن اسلامی», Website des Instituts für Kultur und Islamisches Denken.
  7. ↑ «آیین‌نامه تشکیل شورای تخصصی تحول و ارتقاء علوم انسانی», Website des Forschungszentrums des Islamischen Parlaments.
  8. ↑ Mowaḥḥed Abṭaḥī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, S. 48.
  9. ↑ «وظایف مرکز», Website des Zentrums für das islamisch-iranische Fortschrittsmodell.
  10. ↑ «مصوبه «سند تحول بنیادین آموزش و پرورش», Forschungszentrum des Islamischen Parlaments.
  11. ↑ «قانون برنامه پنجساله پنجم توسعه جمهوری اسلامی ایران», Forschungszentrum des Islamischen Parlaments; «قانون برنامه پنج ساله ششم توسعه اقتصادی، اجتماعی و فرهنگی جمهوری اسلامی ایران», Forschungszentrum des Islamischen Parlaments; «قانون برنامه پنج ساله هفتم پیشرفت جمهوری اسلامی ایران», Forschungszentrum des Islamischen Parlaments.
  12. ↑ «رئیس شورای تحول و ارتقاء علوم انسانی گفت: سند تحول علوم انسانی؛ بستری برای پیشرفت اسلامی-ایرانی و اثرگذاری اجتماعی», Website des Hohen Rats der Kulturrevolution.
  13. ↑ Naqše-ye mohandesī-ye farhangī-ye kešwar, S. 39.
  14. ↑ «مصوبه «سند دانشگاه اسلامی», Website des Forschungszentrums des Islamischen Parlaments.
  15. ↑ «پژوهشگاه حوزه و دانشگاه در یک نگاه», Website des Forschungszentrums Hawza und Universität.
  16. ↑ «معرفی رشته اقتصاد اسلامی», Website der Chwarizmi-Universität.
  17. ↑ «سرفصل دوره کارشناسی ارشد روانشناسی اسلامی تصویب شد», Nachrichtenagentur Mehr.
  18. ↑ Mowaḥḥed Abṭaḥī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, S. 50–51.
  19. ↑ Vgl. beispielsweise: Aḥmadzāda, «واکاوی پژوهشگاه علوم و فرهنگ اسلامی», Website des Forschungsinstituts für islamische Wissenschaften und Kultur; اولیایی، «پروژه علوم انسانی اسلامی و بازخوانی چند رویکرد», Website der Zeitung Farhikhtegan.
  20. ↑ «موافقت شورای فرهنگی عمومی با نامگذاری ۱۲ دی به نام روز علوم انسانی اسلامی», Website Schafaqna.
  21. ↑ Mowaḥḥed Abṭaḥī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, S. 15.
  22. ↑ Mowaḥḥed Abṭaḥī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, S. 16; Vgl. beispielsweise: ʿAlwānī, Islāmīyat al-maʿrifa baina al-ams wa-l-yaum, S. 11.
  23. ↑ Mowaḥḥed Abṭaḥī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, S. 16.
  24. ↑ Sorūš, Eslām wa ʿolūm-e eǧtemāʿī, naqdī bar dīnī kardan-e ʿelm, S. 333–334.
  25. ↑ Sorūš, Dīn-e aqlī wa aktarī, S. 4–5; Sorūš, Eslām wa ʿolūm-e eǧtemāʿī, naqdī bar dīnī kardan-e ʿelm, S. 84–112.
  26. ↑ Sorūš, Dars-hāʾī dar falsafe-ye ʿelm al-eǧtemāʿ, S. 17.
  27. ↑ Sorūš, Dīn-e aqlī wa aktarī, S. 4–5; Sorūš, Eslām wa ʿolūm-e eǧtemāʿī, naqdī bar dīnī kardan-e ʿelm, S. 84–112; Malekiyān, Emkān wa čegūne-gī-ye ʿelm-e dīnī, S. 11–12.
  28. ↑ ʿAbdolkarīmī, Pāyān-e teʾūlūǧī, B. 1, S. 174–175.
  29. ↑ Mowaḥḥed Abṭaḥī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, S. 47.
  30. ↑ آماده‌خوری در علوم انسانی، زمینه‌ساز ریزش‌هاست, Büro zur Bewahrung und Veröffentlichung der Werke Seiner Exzellenz Āyatallāh al-ʿUẓmā Ḫāmanaʾī.

Quellenverzeichnis

ʿOlīyāʾī, Aḥmad, «پروژه علوم انسانی اسلامی و بازخوانی چند رویکرد» (Das Projekt der islamischen Geisteswissenschaften und die Neubetrachtung mehrerer Ansätze), Website der Zeitung Farhikhtegan, abgerufen am 18. Januar 2025.

  • Ḫusrawpānāh, ʿAbdolḥosain, Dar ǧost-oǧū-ye ʿolūm-e ensānī-ye islāmī, Qom, Daftar-e Našr-e Maʿāref, 1393 n.i.S.
  • Ḫusrawpānāh, ʿAbdolḥosain, Falsafe-ye ʿolūm-e ensānī, Teheran, Sāzmān-e Basīǧ-e Ostādān, 1392 n.i.S.
  • Rasell, Bertrand, Tārīḫ-e falsafe-ye Ġarb, übersetzt von Naǧaf Daryābandarī, Teheran, Ketāb-e Parvāz, 1373 n.i.S.
  • Sorūš, ʿAbdolkarīm, Eslām wa ʿolūm-e eǧtemāʿī, naqdī bar dīnī kardan-e ʿelm, in: ʿElm-e dīnī; dīdgāh-hā wa molāḥaẓāt, Qom, Forschungszentrum Hawza und Universität, 1385 n.i.S.
  • Sorūš, ʿAbdolkarīm, Dars-hāʾī dar falsafe-ye ʿelm al-eǧtemāʿ, Teheran, Našr-e Ney, 1385 n.i.S.
  • Šarīfī, Aḥmad-Ḥosain, Rūššenāsī-ye ʿolūm-e ensānī-ye islāmī, Teheran, Markaz-e Pažūheš-hā-ye ʿOlūm-e Ensānī-ye Islāmī-ye Ṣadrā, 1395 n.i.S.
  • ʿAbdolkarīmī, Bīǧan, Pāyān-e teʾūlūǧī, Teheran, Naqd-e Farhang, 1395 n.i.S.
  • ʿAlwānī, Ṭāhā Ǧābir Faiyāḍ, Islāmīyat al-maʿrifa baina al-ams wa-l-yaum, Kairo, al-Maʿhad al-ʿĀlamī li-l-Fikr al-Islāmī, 1417 n.H.
  • Golšānī, Mehdī, Az ʿelm-e sekūlār tā ʿelm-e dīnī, Teheran, Forschungsinstitut für Geisteswissenschaften und Kulturwissenschaften, 1385 n.i.S.
  • Golšānī, Mehdī, Olgu-ye islāmī-īrānī-ye towseʿe-ye ʿelm, Teheran, Forschungszentrum für wissenschaftspolitische Forschung des Landes, 1388 n.i.S.
  • Morādī, Maǧīd, Islāmī-sāzī-ye maʿrefat, Qom, Forschungszentrum Hawza und Universität, 1385 n.i.S.
  • Mowaḥḥed Abṭaḥī, Moḥammad-Taqī, Taḥlīl bar andīše-hā-ye ʿelm-e dīnī dar ǧahān-e islām, Qom, Internationales Zentrum für Übersetzung und Veröffentlichung von al-Muṣṭafā, 1395 n.i.S.
  • «وظایف مرکز» (Aufgaben des Zentrums), Website des Zentrums für das islamisch-iranische Fortschrittsmodell, abgerufen am 6. Januar 2025.
  • Welāyatī, ʿAlī-Akbar, Farhang wa tamaddon-e islāmī, Qom, Daftar-e Našr-e Maʿāref, 1386 n.i.S.