Entwurf:Glaube von Abu Talib
Der Glaube Abu Talibs bildet einen der Diskursknotenpunkte im schiitisch-sunnitischen Verhältnis. Während die Ahl al-Bait (a.) sowie die Imamiten – in einem weitgehenden Konsens – die islamische Konfession Abu Talibs, des Onkels des Propheten Muhammad (s.) und des Vaters von Imam Ali (a.), konstatieren, findet sich diese Auffassung auch bei zahlreichen Zaiditen sowie einem signifikanten Teil der sunnitischen Gelehrsamkeit wieder. Demgegenüber steht die Position der sunnitischen Mehrheit, welche Abu Talib als Nichtgläubigen einstuft.
Die schiitische Positionierung begründet die Nicht-Offenlegung seines Glaubens durch die Notwendigkeit der Taqiyya: Aufgrund seiner stammespolitischen Verpflichtungen habe Abu Talib seinen Glauben verborgen, um die Integrität des Propheten zu gewährleisten. Das Unterlassen öffentlicher islamischer Riten war somit als strategische Maßnahme zu verstehen, um seine soziale Autorität innerhalb der Quraisch-Elite zu wahren und seine Funktion als Richter und Protektor des Propheten ungestört ausüben zu können. Da die schiitische Lehre den religiösen Status einer Person nicht allein an deren expliziten verbalen Bekundungen festmacht, stützt sie die muslimische Zugehörigkeit Abu Talibs auf ein multidimensionales Argumentationsmuster: Dieses umfasst zahlreiche Überlieferungen der Imame über seinen Glauben, seine allseitige Verteidigung des Propheten, seine literarischen Zeugnisse in Form von Gedichten sowie die Kontinuität seiner Ehe mit Fatima bint Asad.
Im Gegensatz dazu stützen sunnitische Gelehrte die Annahme der Ungläubigkeit primär auf die Zahzah-Überlieferungen und exegetische Berichte bezüglich der Koranversen. Obgleich die Authentizität dieser Überlieferungen – selbst unter Anwendung sunnitischer Validierungskriterien – von diversen Forschern sowohl schiitischer als auch sunnitischer Prägung angezweifelt wird, bleibt die Kontroverse insbesondere innerhalb nicht-salafistisch-traditioneller Lesarten bestehen. Für jene Gelehrten jedoch, die der Unfehlbarkeit der Korpusse von Sahih al-Bukhari und Sahih al-Muslim uneingeschränkt folgen, entfalten diese Einwände keine hinreichende Wirkung.
Die Glaubensfrage Abu Talibs im Kontext der schiitisch-sunnitischen Differenz
Der Glaube Abu Talibs konstituiert ein historisch-theologisches Spannungsfeld innerhalb der schiitisch-sunnitischen Differenzbildung.[1] Nach der Auffassung der Zwölferschia war Abu Talib – der Onkel des Propheten Muhammad (s.) und Vater von Imam Ali (a.) – ein Muslim; diese Position genießt sowohl innerhalb der Lehre der Imame als auch unter deren Anhängerschaft weitgehende Konsensbildung.[2] Auch zahlreiche Vertreter der zaiditischen Strömung teilen diese Auffassung mit der der Zwölfer-Schiiten.[3]
Im Gegensatz dazu kategorisieren weite Teile der sunnitischen Gelehrsamkeit Abu Talib als Nichtgläubigen.[4] Gleichwohl ist diese Einschätzung innerhalb der sunnitischen Tradition nicht monolithisch.[5] Einschlägige Studien führen etwa 35 Gelehrte der vier sunnitischen Rechtsschulen an, die zwischen dem 2. und 15. Jahrhundert n. H. lebten und die islamische Zugehörigkeit Abu Talibs bekräftigten.[6] So betonten unter anderem Abu al-Qasim Balkhi und Abu Jaʿfar al-Iskafi, Gelehrte der sunnitisch-muʿtazilitischen Tradition,[7] sowie Muḥammad b. ʿAbd ar-Rasul Barzanji und Ahmad Zayni Dahlan aus der schafiitischen Rechtsschule, die islamische Konfession Abu Talibs analog zur schiitischen Sichtweise.[8]
Gestützt auf die schiitische Argumentationslinie und deren als authentisch geltende Überlieferungen wird nicht nur die muslimische Identität Abu Talibs bejaht, sondern ihm zudem ein hoher Grad an Glaubensfestigkeit attestiert, da er sein Leben und sich umfänglich der Verteidigung des Propheten (s.) widmete.[9] Gemäß dem Gelehrten al-Majlisi, Verfasser des Werkes Bihar al-Anwar, war Abu Talib zu keinem Zeitpunkt ein Polytheist, sondern vielmehr dem Kreis der Nachfolger des Propheten Ibrahim (a.) zuzuordnen.[10]
Des Weiteren wird die Hypothese vertreten, dass die Einstufung Abu Talibs als Ungläubiger primär politisch motiviert war. In diesem Zusammenhang wird postuliert, dass die Überlieferungen bezüglich seines vermeintlichen Unglaubens durch die Abbasiden – insbesondere unter Mansur ad-Dawaniqi – fabriziert wurden. Da die Abbasiden als Nachfahren von ʿAbbas b. ʿAbd al-Muttalib in einem direkten machtpolitischen Antagonismus zur Familie Abu Talibs standen, sollen derartige Hadithe gezielt konstruiert worden sein, um deren politisches Prestige zu unterminieren.[11]Einige sunnitische Gelehrte vertreten ebenfalls die Ansicht, dass die Berichte über den Unglauben Abu Talibs unter der Ära der Umayyaden zu Lebzeiten von Muʿawiya ibn Abi Sufyan entstanden seien, mit der Intention, Imām Ali (a.) zu diskreditieren.[12]
Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass der politische Einfluss auf die Debatte um die Religion Abu Talib dermaßen war, dass selbst einige sunnitische Prophetengefährten-Biografen – ungeachtet der Tatsache, dass sie zweifelsfrei als Ungläubige identifizierte Persönlichkeiten (wie Umayya) als Gefährten führen – die Nennung Abu Talibs dezidiert vermieden.[13][14]
Die Taqiyya bei Abu Talib
Schiitische Gelehrte postulieren, dass Abu Talib seinen Glauben aufgrund der Praxis der Taqiyya (religiöse Vorsicht/Verschleierung) nicht öffentlich offenlegte.[15] Ein Argument, das der schiitische Historiker Sayyid Jaʿfar Murtaza Amili zur Untermauerung dieser Position anführt, ist das Testament Abu Talibs.[16] In einigen sunnitischen Quellen, welche die letzte Willenserklärung Abu Talibs überliefern, findet sich die Formulierung: „Die Prophetenschaft des Propheten ist eine Angelegenheit, die das Herz bereits anerkannt hat, doch die Zunge verleugnet sie.“[17]
Die Praxis der Taqiyya durch Abu Talib spiegelt sich auch in schiitischen Überlieferungen wider, so wird etwa berichtet, dass der Prophet während seiner Himmelfahrt vier Lichter wahrnahm, von denen eines das Licht Abu Talibs darstellte, wobei die göttliche Offenbarung die Fähigkeit zur Taqiyya als Begründung für die Erhebung Abu Talibs in diesen Rang anführt.[18]
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Imam as-Sadiq (a.) sagt bezüglich des Glaubens von Abu Talib:„Das Beispiel Abu Talibs ist vergleichbar mit jenen sieben Schläfern, die ihren Glauben verbargen, während sie den Polytheismus offen darstellten, und denen Gott als Belohnung ein zweifaches Maß zuteil wurde.“ [19] |
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Aus schiitischer Sicht erwies sich die Geheimhaltung des Glaubens als soziopolitische Notwendigkeit für den Schutz der jungen Religion des Islam durch einflussreiche Anführer der Quraisch, die dabei den Anschein der Neutralität wahren mussten. Eine offene Bekenntnisnahme Abu Talibs hätte zu einem signifikanten Verlust seines sozialen Prestiges innerhalb der polytheistischen Quraisch-Elite geführt. Dies hätte ihn daran gehindert, seine Funktion als Stammesführer, Schiedsrichter und oberster Richter auszuüben, und somit seine strategisch bedeutsame Position zum Schutz des Islams zu verlieren.[20] Der schiitische Hadith-Gelehrte Sayyid Muhammad Kazim Tabat kontextualisiert die verborgene Religionszugehörigkeit Abu Talibs innerhalb der präislamischen Stammeskultur, in der dem Clan eine fundamentale Rolle zukam. Als Oberhaupt der Quraisch konnte Abu Talib durch seine Autorität als Schutzmacht des Propheten fungieren.[21] Eine offene Identifikation als Muslim hätte diese Autorität untergraben und seine Fähigkeit zur Unterstützung des Propheten konterkariert.[22] Aufbauend auf dieser Analyse hinterfragt der Forscher Tabatabai zudem die Konsistenz schiitischer Berichte, die behaupten, Abu Talib habe weder das Glaubensbekenntnis (Schahada) vollzogen noch die religiösen Pflichten wie das Gebet erfüllt.[23]
Argumentationslinien der Befürworter der Glaubenswürdigkeit Abu Talibs
Der schiitische Historiker Sayyid Jaʿfar Murtaza Amili postuliert, dass die religiöse Identität eines Individuums nicht allein durch verbale Bekenntnisse (verifiziert werden kann. Vielmehr ließe sich die Religionszugehörigkeit durch eine Analyse des praktischen Verhaltens, der spezifischen Haltung des Propheten (s.) und der Ahl al-Bait (a.) sowie durch zeitgenössische Berichte vertrauter Personen deduzieren.[24] In diesem Zusammenhang differenziert Sayyid Kazim Tabatabai hinsichtlich der Rezeption dieser Argumente innerhalb der sunnitischen Tradition. Er konstatiert, dass die Beweisführung für den Glauben Abu Talibs für die breite sunnitische Gemeinschaft weitgehend unzureichend bleibt. Seine Analyse legt nahe, dass diese Argumente primär für jene Kreise innerhalb der sunnitischen Welt von Bedeutung sind, die keine strikt salafitischen oder traditionalistischen Maßstäbe anwenden. Für jene Gelehrten und Gläubigen hingegen, die die Authentizität der Kanons von al-Bukhari und al-Muslim als unumstößlich voraussetzen, erweisen sich diese Belege als nicht hinreichend, um die bestehende Überzeugung bezüglich des Unglaubens Abu Talibs zu revidieren.[25]
Schiitische Überlieferungstraditionen
Innerhalb der schiitischen Überlieferungen wird die islamische Zugehörigkeit Abu Talibs als unumstößlich betrachtet, was durch eine Vielzahl von Hadithen der Imame untermauert wird. So betont eine Überlieferung von Imam Ali (a.), dass Abu Talibs Stellung im Paradies gesichert sei und ihm eine Vermittlerrolle zukomme; am Tag der Auferstehung werde sein Licht – mit Ausnahme der vierzehn Unfehlbaren – alle anderen luminösen Erscheinungen überstrahlen.[26] Eine weitere Überlieferung von Imam al-Baqir (a.) schreibt dem Gewicht des Glaubens Abu Talibs in der göttlichen Waagschale eine übergeordnete Bedeutung gegenüber der gesamten Schöpfung zu.[27]
Ergänzend hierzu führen Berichte von Imam as-Sadiq (a.) an, dass das Höllenfeuer für Abu Talib gänzlich untersagt wurde,[28] und er im Paradies in unmittelbarer Nähe zu den Propheten, den Wahrhaftigen, den Märtyrern und den Frommen positioniert sei.[29] Die Relevanz dieser Position wird durch die Warnung von Imam Riza (a.) verschärft, wonach die Leugnung des Glaubens Abu Talib unmittelbar zur Konfrontation mit dem Höllenfeuer führe.[30] Diese umfangreichen Korpora an Überlieferungen wurden maßgeblich durch das Werk al-Ghadir von Allama Amini[31] sowie durch Muhammad Reza Morawweji Najafi in Munyat ar-Raghib[32] systematisch zusammengestellt.
Stellungnahmen und Herangehensweisen
Zahlreiche Handlungen Abu Talibs als Indizien für seinen Glauben[33] und weisen auf eine außergewöhnlich hohe Glaubensstufe hin[34] So intervenierte er aktiv, um die Verschwörung der Quraisch gegen das Leben des Propheten (s.) zu unterbinden,[35] und leistete Schutz, wenn der Gesandte Gottes der Aggression der Polytheisten ausgesetzt war.[36] Im Gegensatz zum Widerstand der mekkanischen Heiden stellte Abu Talib kein Hindernis für die Konversion einzelner Personen dar. Exemplarisch hierfür steht die Förderung seiner Ehefrau, Fatima bint Asad, zur Nachfolge des Propheten.[37] Auch in Bezug auf seine Söhne lassen sich klare Indizien für seine religiöse Orientierung finden: Als er beobachtete, wie Imam Ali (a.) dem Propheten (s.) im Gebet folgte, wies er ihn an, dessen Seite stets beizustehen, da dieser ausschließlich zu rechtschaffenem Handeln aufrufe.[38] Zudem delegierte er seinem Sohn Jaʿfar den Auftrag, das rituelle Gebet in Gemeinschaft mit dem Gesandten Gottes zu vollziehen.[39]
Die Gedichte Abu Talibs
Die Gedichte Abu Talibs, die die Prophetenschaft des Propheten unterstützen, gelten als weiterer Beleg für seinen Glauben.[40] So führte Imam al-Baqir (a.) im Hadith, der im Buch al-Kafi überliefert ist, zur Untermauerung von Abu Talibs Glauben ein entsprechendes Gedicht von ihm an:
Wisst ihr nicht, dass wir Muhammad als Propheten anerkennen, wie Moses, der in den früheren Schriften erwähnt wird?[41]
Sein bekanntestes Gedicht, die sogenannte Qasida Lamiyah, beginnt mit den Zeilen:
Ich habe niemals auf die Tadel der Ersten gehört und lehne den Unglauben und die Verfehlung entschieden ab.“[42]
Weitere seiner Verse, die seinen Glauben dokumentieren, lauten etwa:
Wahrlich, Gott ehrte den Propheten Muhammad, den edelsten unter den Geschöpfen Gottes. Er nahm seinen Namen von Seinem eigenen, denn der Herrscher des Thrones ist ‚Mahmud‘ und dies ist ‚Muhammad‘.[43]
O Zeugen, bezeugt vor Gott, dass ich fest im Glauben des Propheten Ahmad stehe.[44]
Allama Amini vertritt angesichts der zitierten Gedichte Abu Talibs die Auffassung, dass diese vielfältigen Äußerungen in seinem Werk ohne Zweifel als Bekräftigung und Anerkennung der Prophetenschaft des Gesandten Gottes gelten müssen. Wenn diese Gedichte nicht als Glaubensbekenntnis gewertet werden, was sollte es dann sonst sein?[45] In seinem Werk „Al-Ghadir“ hat er jene Gedichte Abu Talibs gesammelt, die in sunnitischen Quellen überliefert sind und auf dessen Glauben hinweisen.[46]
Siehe auch: Diwan Abi Talibs
Die Bekehrung von Fāṭima bint ‘Asad zum Islam
In einer Überlieferung des Imam as-Sajjad (a.) wird zur Bestätigung des Glaubens von Abu Talib auf die Unauflöslichkeit seiner Ehe mit Fatima bint Asad, seiner Frau, verwiesen.[47] Ibn Abi al-Hadid, ein Gelehrter der Muʿtazila-Schule aus der sunnitischen Tradition, zählt Fatima bint ‘Asad zu den elf Personen, die als Erste dem Propheten (s.) Glauben schenkten.[48] Aufgrund dessen datieren einige Quellen ihre Bekehrung auf das erste oder zweite Jahr der Berufung des Propheten (s.).[49] Nach islamischer Rechtsauffassung jedoch wird die Ehe ungültig, wenn eine nichtmuslimische Frau zum Islam konvertiert, ihr Ehemann jedoch nicht, und die Frau somit vom Mann getrennt wird; diese Rechtsmeinung wird von sunnitischen Gelehrten als Konsens anerkannt.[50][51] Daraus schließen einige, dass die Tatsache, dass Fatima bint ‘Asad nach ihrer Bekehrung nicht von Abu Talib getrennt wurde, ein Hinweis darauf ist, dass dieser kein Ungläubiger gewesen sei.[52] Andererseits existieren auch Berichte, die von einer Bekehrung ihrerseits erst nach dem Tod ihres Ehemanns berichten.[53]
Gründe einiger sunnitischer Gelehrter für die Ungläubigkeit Abu Talibs
Zu den Argumentationslinien sunnitischer Gelehrter, die die Konversion Abū Ṭālibs verneinen, zählen insbesondere:
Der Hadith von Zahzah
Hauptartikel: Hadith von Zahzah
Die sunnitische Auffassung, Abū Ṭālib sei im Unglauben verstorben, stützt sich maßgeblich auf den sogenannten Hadith von Zahzah. Diese Überlieferung, die in den kanonischen Werken Sahih al-Bukhari und Sahih al-Muslim verzeichnet ist, besagt, dass Abū Ṭālib aufgrund seiner protektiven Dienste für den Propheten (s.) eine eschatologische Sonderstellung genieße: Durch dessen Fürsprache werde er aus der tiefsten Stufe des Höllenfeuers (darakat-e jahannam) in eine mildere Ebene namens Zahzah versetzt.[54] Dieser Bericht bildet das fundamentale Argument für jene Gelehrten, die den Glauben AbuTalibs bestreiten.
Im Gegensatz dazu betrachten schiitische Gelehrte diese Überlieferung selbst unter Berücksichtigung sunnitischer Grundlagen als nicht glaubwürdig.[55] Kritiker führen an, dass der Inhalt im Widerspruch zu expliziten Koranstellen stehe,[56] sowie zu zahlreichen sunnitischen Überlieferungen,[57] die jede Form der Fürsprache für Nicht-Muslime kategorisch ausschließen.[58] In seinem Werk Der Glaube Abu Talibs führt Fakhar b. Maʿad al-Musawi zudem Hadithe der Imame al-Baqir (a.), as-Sadiq (a.) und ar-Riza (a.) an, die den Hadith von Zahzah entschieden zurückweisen und die Erzählung als gezielte Verleumdung durch die Gegner des Glaubens charakterisieren.[59]
Überlieferungen zu den Versen 113 der Sure at-Tauba und 56 der Sure al-Qasas
Auf Basis der exegetischen Deutung der Verse 56 der Sure al-Qaṣaṣ und 113 der Sure at-Tauba klassifiziert der sunnitische Gelehrte asch-Schaukani Abu Talib als Polytheisten (Muschrik).[60] Den Überlieferungen zu Sure al-Qaṣaṣ (28:56) zufolge habe der Prophet Muhammad (s.) Abu Talib in seinem Sterbebett zur Proklamation der Schahada gedrängt, dieser sei jedoch die Annahme des Islam verweigert und somit als Polytheist verstorben.[61] Analog dazu wird in den Kommentaren zu Sure at-Tauba (9:113) angeführt, dass dem Propheten (s.) untersagt wurde, für Abu Talib, der im Unglauben verstarb, um Vergebung zu ersuchen.[62]
Diese narrativen Befunde werden jedoch von namhaften sunnitischen Gelehrten einer kritischen Prüfung unterzogen, die deren historische Authentizität in Zweifel zieht.[63] Allamah Amini argumentiert hierbei, dass Teile der Überlieferungskette aus Kreisen stammten, deren primäre Absicht die Diskreditierung von Imam Ali (a.) war, wodurch die Objektivität dieser Berichte verloren gegangen sei.[64] Des Weiteren stehen diese Berichte im Widerspruch zu anderen, ebenfalls in der sunnitischen Tradition verankerten Schilderungen der Offenbarungsanlässe (Asbab an-Nuzul).[65] So weisen Überlieferungen von Ibn Hanbal und at-Tirmizi – die auch in der sunnitischen Forschung als authentisch gelten – darauf hin, dass sich die besagten Verse vielmehr auf die Situation eines Mannes beziehen, der für seinen polytheistischen Vater um Vergebung bat.[66]
Themenbezogene Anfragen
Fußnoten
- ↑ Ṭabāṭabāʾī: Bāyaste-ye pažūhešī dar moured-e Ḥażrat-e Abū Ṭālib (a), S. 101.
- ↑ Šayḫ Ṭūsī: at-Tibyān, Dār Iḥyāʾ at-Turāṯ al-ʿArabī, B. 8, S. 164; Ṭabāṭabāʾī: al-Mīzān fī tafsīr al-Qurʾān, B. 9, S. 405–406.
- ↑ Ṭabasī Naǧafī: Munyat ar-Rāġib, S. 161.
- ↑ Ibn Abī al-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa, B. 14, S. 65–66.
- ↑ Morūǧī Ṭabasī: Iṯbāt-e īmān-e Abū Ṭālib (a) dar soḫanān-e ʿālemān-e ahl-e sunnat az sade-ye dovvom tā pānzdahom, S. 119–120.
- ↑ Vgl. Morūǧī Ṭabasī: Iṯbāt-e īmān-e Abū Ṭālib (ʿa) dar soḫanān-e ʿālemān-e ahl-e sunnat az sade-ye dovvom tā pānzdahom.
- ↑ Ibn Abī al-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa, B. 14, S. 66.
- ↑ Zaynī Daḥlān: Asnā al-maṭālib, S. 31.
- ↑ Ṭabāṭabāʾī: Bāyaste-ye pažūhešī dar moured-e Ḥażrat-e Abū Ṭālib (a), S. 101.
- ↑ Maǧlisī: Mirʾāt al-ʿuqūl, B. 5, S. 235.
- ↑ Qurašī: Tafsīr-e aḥsan al-ḥadīṯ, B. 3, S. 203; Murtaḍawī: Barresī-ye revāyāt-e ḍaḍḥāḥ, S. 166–171.
- ↑ Saqqāf: Muqaddima, S. 17.
- ↑ Vgl. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba, B. 1, S. 384.
- ↑ Hedāyatpanāh: Naqdī bar rūykard-e ṣaḥābe-negārān be Ḥażrat-e Abū Ṭālib (ʿa) bā takye bar Ibn Ḥaǧar va ketāb-e al-Iṣāba, S. 90–91.
- ↑ ʿĀmilī: aṣ-Ṣaḥīḥ min sīrat an-Nabī al-aʿẓam (s.), B. 4, S. 24.
- ↑ ʿĀmilī: aṣ-Ṣaḥīḥ min sīrat an-Nabī al-aʿẓam (ṣ), B. 4, S. 24.
- ↑ Ibn al-Ḥuǧǧa al-Ḥamawī: Ṯamarāt al-awrāq, Maktabat al-Ǧumhūriyya al-ʿArabiyya, B. 2, S. 14; Diyārbakrī: Tārīḫ al-Ḫamīs, Dār Ṣādir, B. 1, S. 300; Ḥalabī: as-Sīra al-ḥalabiyya, B. 1, S. 497.
- ↑ Fattāl Nīšābūrī: Rawḍat al-wāʿiẓīn, B. 1, S. 81.
- ↑ Kulaynī: al-Kāfī, B. 1, S. 448.
- ↑ Ibn Abī al-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa, B. 14, S. 81–82.
- ↑ Ṭabāṭabāʾī: Bāyaste-ye pažūhešī dar moured-e Ḥażrat-e Abū Ṭālib (ʿa), S. 102.
- ↑ Ṭabāṭabāʾī: Bāyaste-ye pažūhešī dar moured-e Ḥażrat-e Abū Ṭālib (ʿa), S. 102.
- ↑ Ṭabāṭabāʾī: Bāyaste-ye pažūhešī dar moured-e Ḥażrat-e Abū Ṭālib (ʿa), S. 103.
- ↑ ʿĀmilī: aṣ-Ṣaḥīḥ min sīrat an-Nabī al-aʿẓam (s.), B. 4, S. 17.
- ↑ Ṭabāṭabāʾī: Bāyaste-ye pažūhešī dar moured-e Ḥażrat-e Abū Ṭālib (a), S. 102–103.
- ↑ Šayḫ Ṭūsī: al-Amālī, S. 305.
- ↑ ʿAllāme Maǧlisī: Biḥār al-anwār, B. 35, S. 156–157.
- ↑ Kulaynī: al-Kāfī, B. 1, S. 446.
- ↑ Karāǧakī: Kanz al-fawāʾid, B. 1, S. 183.
- ↑ Karāǧakī: Kanz al-fawāʾid, B. 1, S. 182–183.
- ↑ ʿAllāme Amīnī: al-Ġadīr, B. 7, S. 518–538.
- ↑ Vgl. Ṭabasī Naǧafī: Munyat ar-Rāġib, S. 29–38.
- ↑ ʿĀmilī: aṣ-Ṣaḥīḥ min sīrat an-Nabī al-aʿẓam (ṣ), B. 4, S. 10.
- ↑ Ṭabāṭabāʾī: Bāyaste-ye pažūhešī dar moured-e Ḥażrat-e Abū Ṭālib (ʿa), S. 101.
- ↑ Ibn Hišām: as-Sīra an-nabawiyya, Dār al-Maʿrifa, B. 1, S. 266–267.
- ↑ Kulaynī: al-Kāfī, B. 1, S. 449.
- ↑ Ibn Abī al-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa, B. 13, S. 272.
- ↑ Ibn Hišām: as-Sīra an-nabawiyya, Dār al-Maʿrifa, B. 1, S. 247; Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba, B. 7, S. 198.
- ↑ Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba, B. 1, S. 341; Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba, B. 7, S. 198.
- ↑ ʿĀmilī: aṣ-Ṣaḥīḥ min sīrat an-Nabī al-aʿẓam (ṣ), B. 4, S. 11.
- ↑ Kulaynī: al-Kāfī, B. 1, S. 448–449.
- ↑ Šayḫ Mufīd: Īmān Abī Ṭālib, S. 18.
- ↑ Ibn Abī al-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa, 1414 n. H., B. 14, S. 78.
- ↑ Karāǧakī: Kanz al-fawāʾid, B. 1, S. 182.
- ↑ ʿAllāme Amīnī: al-Ġadīr, B. 7, S. 460.
- ↑ ʿAllāme Amīnī: al-Ġadīr, B. 7, S. 446–460.
- ↑ ʿAllāme Maǧlisī: Biḥār al-anwār, B. 35, S. 157.
- ↑ Ibn Abī al-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa, B. 1, S. 14.
- ↑ Murtaḍawī: Barresī-ye revāyāt-e ḍaḍḥāḥ, S. 160.
- ↑ Sābiq: Fiqh as-sunna, B. 2, S. 239.
- ↑ Ibn Munḏir: al-Išrāf ʿalā maḏāhib al-ʿulamāʾ, B. 5, S. 252.
- ↑ Murtaḍawī: Barresī-ye revāyāt-e ḍaḍḥāḥ, S. 160.
- ↑ Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf, B. 2, S. 35.
- ↑ Buḫārī: Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, B. 5, S. 52; B. 8, S. 46 u. 116; Muslim: Ṣaḥīḥ Muslim, Dār Iḥyāʾ at-Turāṯ al-ʿArabī, Bd. 1, S. 194–195.
- ↑ Für Beispiele vgl. ʿAllāme Amīnī: al-Ġadīr, B. 8, S. 38; Ḫunayzī: Abū Ṭālib muʾmin Qurayš, S. 378–387.
- ↑ Für Beispiele vgl. Sure 2 (al-Baqara), Vers 162; Sure 3 (Āl ʿImrān), Vers 88; Sure 16 (an-Naḥl), Vers 85.
- ↑ Für Beispiele vgl. Ibn Ḥanbal: al-Musnad, 1416 n. H., B. 6, S. 483; Ibn Ḥibbān: aṣ-Ṣaḥīḥ, B. 1, S. 442.
- ↑ ʿAllāme Amīnī: al-Ġadīr, B. 8, S. 38–42.
- ↑ Mūsawī: al-Ḥuǧǧa ʿalā aḏ-ḏāhib, S. 82–85.
- ↑ Šawkānī: Fatḥ al-qadīr, B. 4, S. 206.
- ↑ Ibn ʿAṭiyya: al-Muḥarrar al-waǧīz, B. 4, S. 292–293.
- ↑ Wāḥidī: al-Waǧīz, B. 1, S. 483–484.
- ↑ Für Beispiele vgl. Zamaḫšarī: ‘‘al-Kaššāf’’, B. 2, S. 315; Ibn ʿĀšūr: at-Taḥrīr wa-t-tanwīr, Muʾassasat at-Tārīḫ, B. 10, S. 214–215.
- ↑ ʿAllāme Amīnī: al-Ġadīr, B. 8, S. 19.
- ↑ ʿAllāme Amīnī: al-Ġadīr, B. 8, S. 23–24.
- ↑ Ibn Ḥanbal: al-Musnad, 1416 n. H., B. 1, S. 499; Tirmiḏī: Sunan at-Tirmiḏī, B. 5, S. 281.
Quellenverzeichnis
- Abī al-Ḥadīd, Ibn ʿAbd al-Ḥamīd b. Hibat Allāh: Scharḥ Nahj al-Balāgha li-Ibn Abī al-Ḥadīd, Qom, Maktabat al-ʿUmūmiyya Āyat Allāh Marʿaschī Najafī Verlag, 1404 n. H.
- Abī al-Karam, Ibn al-Athīr ʿAlī b. …: (Referenz in Kontext).
- Abū Bakr b. ʿAlī b. al-Ḥujja al-Ḥamawī: Thamarat al-awrāq fī al-muḥāḍarāt, Ägypten, Maktabat al-Jumhūriyya al-ʿArabiyya Verlag, o. J.
- Aḥmad b. Ḥanbal, Ibn: Musnad Aḥmad b. Ḥanbal, Kairo, Dār al-Ḥadīth Verlag, 1416 n. H.
- Aḥmad b. ʿAlī, Ibn Ḥajar al-ʿAsqalānī: al-Iṣāba fī tamyīz al-ṣaḥāba, Beirut, Dār al-Kutub al-ʿIlmiyya Verlag, 1415 n. H.
- Amīnī, ʿAbd al-Ḥusayn (Allāma): al-Ghadīr, Qom, Markaz al-Ghadīr lil-Dirāsāt al-Islāmiyya Verlag, 1416 n. H.
- Bahr al-ʿUlūm, Muḥammad: al-Ḥujja ʿalā al-dhāhib ilā kufr Abī Ṭālib, von Fakhār b. Maʿd Musawī), Qom, Dār Sayyid al-Schuhadā Verlag, 1410 n. H.
- Barzanji, Muḥammad b. Rasūl: Bughyat al-ṭālib li-īmān Abī Ṭālib, Karbala, al-ʿAtaba al-Ḥusayniyya al-Muqaddasa Verlag, 1438 n. H.
- Bukhārī, Muḥammad b. Ismāʿīl: Ṣaḥīḥ al-Bukhārī, Beirut, Dār Ṭawq al-Najāh Verlag, 1422 n. H.
- Diyarbakirlī, Ḥusain b. Muḥammad: Tārīkh al-Khamīs fī aḥwāl anfas al-nafīs, Beirut, Dār Sādir Verlag, o. J.
- Fākir Meybudī, Muḥammad: Kankāshī dar ḥadīth-i ḍaḥḍāḥ az negāh-i farīqayn, in: Pazhūheshnāme-ye ʿUlūm-i Ḥadīth-i Taṭbīqī, Nr. 14, Frühling/Sommer 1400 n.i.S.
- Fath al-Qadīr, Schawkānī, Muḥammad b. ʿAlī: Fatḥ al-Qadīr, Damaskus, Dār Ibn Kaṯīr Verlag, 1414 n. H.
- Fattāl Naysābūrī, Muḥammad b. Aḥmad: Rawḍat al-wāʿiẓīn wa baṣīrat al-mutaʿaẓẓīn, Qom, Entschārāt-e Raḍī Verlag, 1375 š.
- Ḥasan b. ʿAlī, Saqqāf: Muqaddima, in: Asnā al-maṭālib fī ithbāt īmān Abī Ṭālib, von Aḥmad Zaynī Daḥlān, Amman, Dār al-Imām al-Nawawī Verlag, 1428 n. H.
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