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Entwurf:Drittes Bekenntnis

Aus wikishia
Kalligrafisches Stück, “Schahadat Thalitha”, von Muhammad al-Muschrafawi, 1439 n.H. (ca. 2017/2018 n. Chr.)[1]

Das sogenannte Dritte Bekenntnis (Persisch: شهادت ثالثه) referenziert innerhalb der schiitischen Glaubenslehre die Proklamation der Wilaya (des Führungsanspruchs) von Imam Ali (a.) als Ergänzung zu den zwei fundamentalen Glaubensbekenntnissen (Schahada). Diese wird im Rahmen des Adhan (Gebetsruf) und der Iqamah (Gebetsausruf) üblicherweise in den Formulierungen „Ashhadu anna Aliyyan Waliyyullah“ oder „Ashhadu anna Aliyyan Hujjatullah“ artikuliert. Nach der prävalenten Auffassung zahlreicher schiitischer Rechtsgelehrter stellt dieses dritte Bekenntnis jedoch keinen konstitutiven Bestandteil des Adhan oder der Iqamah dar. Infolgedessen qualifizierten einige Gelehrte der Schia das Aussprechen dieses Bekenntniss innerhalb des Adhans als religiöse Neuerung (bidʿa) und die Annahme, sie sei ein Bestandteil des Adhan und der Iqamah, als verboten. Während Scheich as-Saduq die hierzu existierenden Überlieferungen als gefälscht einordnete, bewertete Scheich al-Tusi deren Authentizität als marginal.

In der zeitgenössischen schiitischen Gelehrtenwelt herrscht weitgehend Konsens darüber, dass dieser Satz kein obligatorischer Bestandteil des Adhan und der Iqamah ist. Dennoch wird die Rezitation – ohne die Intention, sie als rechtlich zwingend zu deklarieren – als lobenswert (mustahabb) erachtet. Im Gegensatz dazu vertritt Seyyed Muhsin Hakim, ein Marja‘-e Taqlid, die Ansicht, dass das dritte Bekenntnis als essenzielles Bekenntniszeichen und Symbol der schiitischen Identität zu verstehen sei. Aus dieser Perspektive erfährt die Integration der Formel in den Adhan und die Iqamah eine religiöse Präferenz und kann in spezifischen Kontexten – selbst unabhängig von einer expliziten Zugehörigkeitsabsicht – als verpflichtend angesehen werden.

Begrifflichkeit und Relevanz

Das „dritte Bekenntnis“ bezeichnet die Anerkennung der Wilaya (des Führungsanspruchs) von Imam Ali (a.) unmittelbar nach der Schahada bzw. des Glaubensbekenntnisses, welche die Monotheismuslehre (Tawhid) und das Prophetentum bekräftigt.[2] Die Artikulation erfolgt über Formulierungen wie „Aschhadu anna Aliyyan Waliyyullah“ (Ich bezeuge, dass Ali der Wali von Allah ist), „Aschhadu anna Aliyyan Hujjatullah“ (Ich bezeuge, dass Ali der Beweis Allahs ist) oder „Aschhadu anna Aliyyan Amir al-Muʾminin haqqan“ (Ich bezeuge, dass Ali wahrlich der Fürst der Gläubigen ist).[3]

Seyyed Muhsin Hakim sowie Seyyed Taghi Tabataba’i Qommi klassifizieren dieses Bekenntnis als einen signifikanten Leitspruch und als identitätsstiftendes Symbol des schiitischen Glaubens.[4] Verschiedene schiitische Primärquellen stützen diesen Inhalt und bekräftigen die Anerkennung der Wilaya von Imam Ali (a.) nachdrücklich.[5] So dokumentiert etwa at-Tabarsi in seinem Werk al-Ihtijaj eine Überlieferung von Imam al-Sadiq (a.), wonach auf die Rezitation von „La ilaha illa Allah“ (Es gibt keinen Gott außer Allah) und „Muhammadur Rasul Allah“ (Muhammad ist der Gesandte Allahs) unmittelbar das Bekenntnis „ʿAliyyun Amir al-Muʾminin“ folgen solle.[6]

Gehört das dritte Bekenntnis zum Adhan und zur Iqamah?

Nach der überwiegenden Meinung der imamitischen Rechtsgelehrten gehört das dritte Bekenntnis nicht zu den konstitutiven Bestandteilen des Adhan und der Iqamah.[7] Gelehrte wie Sahib al-Madarik (ca. 1540–1598 n. Chr.) und Seyyed Muhsin Hakim (ca. 1888–1970 n. Chr.) konstatieren eine weitgehende Einigkeit darüber, dass dieses Bekenntnis keinen integralen Teil der Gebetsrufe darstellt.[8] Auch Sahib al-Jawahir unterstreicht diesen konsensualen Standpunkt innerhalb der schiitischen Jurisprudenz.[9]

Gelehrte wie Scheich as-Saduq (ca. 916–993 n. Chr.) und Schahid ath-Thani (ca. 1505–1547 bzw. 1550 n.Chr.) stuften die Inkorporation der dritten Bekenntnis in den Adhan und die Iqamah als Neuerung (bidʿa) ein und klassifizierten die zugrunde liegenden Überlieferungen als hadith mawzuʿ (gefälscht).[10] Der Schahid ath-Thani präzisierte zudem, dass das Hinzufügen dieses Elements mit der Absicht, es als verpflichtenden Bestandteil zu legitimieren, das Gebet zwar nicht ungültig mache, jedoch als sündhaft zu bewerten sei.[11]

Scheich at-Tusi (ca. 994–1067 n.Chr.) stuft die Überlieferungen, die eine Inkorporation der dritten Bekenntnis in den Adhan legitimieren, als wenig belastbar ein; die Rezitation dieses Bekenntnisses im Rahmen des Gebetsrufes betrachte er als ein Fehlverhalten.[12] Zudem verleihe dies dem Adhan keinen zusätzlichen sakralen Stellenwert, und die rituelle Vollständigkeit des Gebetsrufes bleibe hiervon unberührt.[13] In ähnlicher Weise sprach sich auch Fazil al-Kaschani (ca. 1598–1680 n. Chr.), ein bedeutender schiitischer Rechtsgelehrter, gegen die Integration der dritten Bekenntnis in den Adhan und die Iqamah aus und bewertete die Annahme ihrer Obligatorietät als unzulässig.[14]

Demgegenüber vertritt Allama al-Majlisi (ca. 1626–1709 n. Chr.) angesichts der vorliegenden Überlieferungen die Auffassung, dass das dritte Bekenntnis als ein empfohlenes Element innerhalb des Adhan und der Iqamah betrachtet werden könne.[15] Rechtsgelehrte wie Aqa Reza Hamedani (ca. 1833–1904 n. Chr.) gestatteten die Rezitation, sofern sie nicht mit der Intention erfolgt, der Formel einen obligatorischen Charakter beizumessen.[16] In diesem Sinne klassifizieren Gelehrte wie Seyyed ʿAbd al-ʿAli Sabzewari und Seyyed Taqi Tabatabaʾi Qomi die Praxis – ohne die Annahme einer rechtlichen Notwendigkeit – lediglich als eine empfohlene Handlung.[17]

Nachfolgende Generationen von Rechtsgelehrten, darunter Seyyed ʿAbd al-Hadi Schirazi (ca. 1907–1962 n. Chr.),[18] Seyyed Abu al-Qasim al-Khuʾi (ca. 1919–1992 n. Chr.),[19] sowie Seyyed ʿAli Sistani (geb. ca. 1936 n. Chr.)[20] und Husain Wahid Khorasani (geb. ca. 1921 n. Chr.),[21] bestätigen den Konsens, dass das dritte Bekenntnis kein konstitutiver Bestandteil des Adhan und der Iqamah ist, ihr Aussprechen jedoch als rituell empfehlenswert erachtet wird.

Nach der Auffassung von Seyyed Muhsin Hakim fungiert das dritte Zeugnis insbesondere in der gegenwärtigen Epoche (20. und 21. Jahrhundert n. Chr.) als bedeutsamer Ausdruck des Glaubens und als identitätsstiftendes Symbol des Schiitentums. Infolgedessen genießt es eine religiöse Präferenz und kann in spezifischen Kontexten sogar als verpflichtend gelten, ohne dabei als integraler, rechtlich zwingender Teil des Adhan oder der Iqamah verstanden zu werden.[22] Zudem erlauben Gelehrte wie Seyyed Husain Tabatabaʿi Qommi die Rezitation aus Gründen der Segenserwerbung (tabarruk).[23] Der im 11. Jahrhundert n. Chr. wirkende imamitische Rechtsgelehrte Sallar Dailami hielt es darüber hinaus für zulässig, das dritte Bekenntnis im Rahmen des Taschahhud (dem Zeugnisabruf während des Gebets) zu sprechen.[24]

Historische Genese der Einführung des dritten Bekenntnisses in Adhan und Iqamah

Scheich as-Saduq führte die Einführung des dritten Bekenntnisses in den Adhan und die Iqamah auf die sogenannten Ghulat (Übertreiber) zurück und konstatierte, dass diese hierfür gezielt gefälschte Überlieferungen konstruiert hätten.[25] Historischen Erkenntnissen zufolge blieb dieses Element über fünf Jahrhunderte hinweg unüblich. So dokumentierte der schiitische Gelehrte Abd al-Jalil Qazwini ar-Razi (12. Jahrhundert n. Chr.) in seinem Werk al-Naqz, dass die Rezitation des dritten Bekenntnisses unmittelbar nach den beiden primären Zeugnissen den Gebetsvollzug ungültig mache und als religiöse Neuerung sowie als Sünde zu werten sei.[26] Berichten zufolge wurde das dritte Bekenntnis im Jahr 1501 n. Chr. auf administrative Anordnung von Schah Ismaʿil Safawi erneut in den Adhan integriert, woraufhin sie sich rasch in der Bevölkerung verbreitete; eine Nicht-Rezitation wurde in dieser Zeit häufig mit einem sunnitischen Glaubensbekenntnis assoziiert.[27] Es wird überliefert, dass einige Rechtsgelehrte jener Ära das dritte Bekenntnis zwar nicht als integralen Bestandteil des Adhan oder der Iqamah betrachteten, ihre Position jedoch aus Gründen der religiösen Vorsicht (taqiyya), um dem Vorwurf der „Sunniterei“ zu entgehen, nicht offen artikulierten.[28]

Mitte des 18. Jahrhunderts n. Chr. soll sich die schiitische Gemeinschaft erneut gegen die Verwendung des dritten Bekenntnisses im Gebetsruf ausgesprochen haben.[29] Mirza Muhammad Akhbari berichtete in seiner Abhandlung asch-Schahada ʿala al-Wilaya, dass Scheich Jaʿfar Kaschif al-Ghita ein Ersuchen an Fath ʿAli Schah Qadschar gerichtet habe, um ein landesweites Verbot des dritten Bekenntnisses im Adhan zu erwirken.[30] Reza Ostadi wies jedoch darauf hin, dass die Darstellung von Mirza Muhammad Akhbari bezüglich der Position von Kaschif al-Ghita unpräzise sei: Letzterer habe das dritte Bekenntnis nicht grundsätzlich widersprochen, sondern lediglich deren formale Zugehörigkeit zum Adhan und zur Iqamah negiert.[31] Laut Ostadi plädierte Kaschif al-Ghita in seiner Abhandlung stattdessen dafür, dass der Rezitierende anstelle von „Aschhadu anna ʿAliyan wali Allah“ die Formel „Aschhadu anna ʿAliyan amir al-muʾminin“ verwenden solle, um dies als Ausdruck der Segensanrufung (tabarruk) zu vollziehen.[32]

Themenbezogene Anfragen

Fußnoten

  1. Pinterest, «Ashhadu anna 'Aliyan Waliullah» (Kalligrafie-Seite von Muḥammad al-Musharrafāwī).
  2. Pinterest, «Ashhadu anna 'Aliyan Waliullah» (Kalligrafie-Seite von Muḥammad al-Musharrafāwī).
  3. Ḥusainī Mīlānī, ‘‘al-Schahāda bi-al-Wilāya fī al-Adhān’’, S. 12.
  4. Scheich Ṣadūq, ‘‘Man lā yaḥḍuruhu al-faqīh’’, B. 1, S. 290.
  5. Ḥakīm, Mustamsak al-'Urwa al-Wuthqā, B. 5, S. 545; Institut al-Sibṭayn, al-‘Urwa al-Wuthqā wa-al-ta’līqāt ‘alayhā’’, B. 6, S. 468, Fn. 4.
  6. Ṭabarsī, ‘‘al-Iḥtijāj’’, B. 1, S. 158; Baḥrānī, ‘‘al-Ḥadā’iq al-nāḍira’’, Institut für Islamische Veröffentlichungen, B. 7, S. 404.
  7. Ṭabarsī, ‘‘al-Iḥtijāj’’, B. 1, S. 158.
  8. Ḥabballāh, '‘al-Ta’līqa ‘alā Minhāj al-Ṣāliḥīn (al-Adhān wa-al-Iqāma)’’, Website von Ḥaydar Ḥabballāh.
  9. Mūsawī 'Āmilī, ‘‘Madārik al-aḥkām’’, Ahl al-Bait Institut, B. 3, S. 279; Ḥakīm, '‘Mustamsak al-‘Urwa al-Wuthqā’’, B. 5, S. 544.
  10. Najafī, ‘‘Jawāhir al-kalām’’, B. 9, S. 87.
  11. Schahīd Thānī, al-Rawḍa al-bahiyya fī sharḥ al-lum’a al-dimashqiyya, B. 1, S. 240.
  12. Scheich Ṭūsī, al-Nihāya, S. 69.
  13. Scheich Ṭūsī, al-Mabsūṭ, B. 1, S. 99.
  14. Fayḍ Kāshānī, Mafātīḥ al-sharā’i’, B. 1, S. 118.
  15. 'Allāma Majlisī, ‘‘Biḥār al-anwār’’, B. 81, S. 111.
  16. Hamadānī, ‘‘Miṣbāḥ al-faqīh’’, B. 11, S. 313–314.
  17. Sabzawārī, ‘‘Muhadhdhab al-aḥkām’’, Dār al-Tafsīr Verlag, Bd. 6, S. 21–22; Ṭabāṭabā’ī Qummī, ‘‘Mabānī Minhāj al-Ṣāliḥīn’’, Qalam al-Scharq Verlag, B. 4, S. 353.
  18. Mu’assasat al-Sibṭayn, al-‘Urwa al-Wuthqā wa-al-ta’līqāt ‘alayhā’’, B. 6, S. 468, Fn. 5.
  19. Khū’ī, ‘‘Minhāj al-Ṣāliḥīn’’, al-Khū’ī Islamisches Institut, B. 1, S. 150.
  20. Sīstānī, ‘‘Minhāj al-Ṣāliḥīn’’, B. 1, S. 191.
  21. Waḥīd Khurāsānī, ‘‘Minhāj al-Ṣāliḥīn’’, Imam Baqir (a.) Schule, B. 2, S. 168.
  22. Ḥakīm, '‘Mustamsak al-‘Urwa al-Wuthqā’’, B. 5, S. 545.
  23. Mu’assasat al-Sibṭayn, al-‘Urwa al-Wuthqā wa-al-ta’līqāt ‘alayhā’’, B. 6, S. 468, Fn. 5.
  24. Sallār Daylamī, ‘‘al-Marāsim’’, S. 72–73.
  25. Scheich Ṣadūq, ‘‘Man lā yaḥḍuruhu al-faqīh’’, B. 1, S. 290.
  26. Qazwīnī, ‘‘an-Naqḍ’’, S. 97.
  27. Majlisī, ‘‘Lawāmi’ Ṣāḥib-qirānī’’, B. 3, S. 566; auch: B. 3, S. 566.
  28. Modarressi Ṭabāṭabā’ī, ‘‘Maktab dar farāyand-e takāmol’’, S. 99.
  29. Ostādī, «Kāshif al-Ghiṭā’ wa-shahādat 'alā al-wilāya fī al-adhān wa-al-iqāma», S. 178.
  30. Shahristānī, ‘‘Mawsū’at al-adhān bayn al-aṣāla wa-al-taḥrīf’’, B. 3, S. 1.
  31. Ḥusaynī Mīlānī, ‘‘al-Shahāda bi-al-Wilāya fī al-Adhān’’, S. 49 (Index).
  32. Sanad, ‘‘al-Shahāda al-thālitha’’, S. 446 (Index).

Quellenverzeichnis

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  • Shaykh Ṭūsī, Muḥammad b. Ḥasan, al-Nihāya fī mujarrad al-fiqh wa-al-fatāwā, Beirut, Dār al-Kitāb al-'Arabī, 1400 n.H..
  • Sīstānī, Sayyid 'Alī, Minhāj al-Ṣāliḥīn, Qom, Mehr-Verlag, 1414 n.H.
  • Ṭabarsī, Abū Manṣūr, al-Iḥtijāj 'alā ahl al-lajāj (Korrektur und Kommentar: Muḥammad Bāqir Kharsān), Mashhad, Nashr-e Murtaḍā, 1. Aufl., 1403 n.H..
  • Ṭabāṭabā’ī Qummī, Sayyid Taqī, Mabānī Minhāj al-Ṣāliḥīn, Qom, Qalam al-Sharq-Verlag, o.J.
  • Waḥīd Khurāsānī, Ḥusain, Minhāj al-Ṣāliḥīn, Qom, Imām Bāqir (a.) Schule, o.J.