Entwurf:Mariqun
Māriqīn (Arabisch: المارقون) (wörtlich: „die Abtrünnigen“) bezeichnen jene Gruppe, die sich nach der Schlacht von Siffin und dem darauf folgenden Ereignis der Hakamiyya (Schiedsgerichtsbarkeit) unter dem Slogan la hukma illa lillah („Es gibt kein Urteil außer Gottes“) von Imam Ali (a.) abspaltete und schließlich den Nahrawan-Feldzug auslöste.
Diese Gruppe, die als Khawarij bzw. Kharidschiten bekannt wurde, zeichnete sich durch eine oberflächliche Auslegung der Religion aus. Basierend auf den Aufzeichnungen in der Nahj al-Balaja hat Imam Ali (a.) in zwölf Reden (Khutba) sowie in einer Weisheit (Hikma) deren Glaubenssätze und Verhaltensweisen analysiert und kritisiert. Zu ihren zentralen Lehren gehörte die Takfir (die Bezeichnung als Ungläubige) von Imam Ali (a.) aufgrund der Annahme des Schiedsgerichts.
Zu den prominenten Persönlichkeiten der Marighin zählten Abdullah b. Wahb und Hamza b. Sinan. In der Schlacht von Nahrawan wurden sie von den Truppen des Imams besiegt. Einige von ihnen schlossen sich später dem Heer von Imam al-Hasan (a.) im Konflikt gegen Mu‘awiya an und waren an dem (gescheiterten) Attentat auf ihn beteiligt.
Definition
Die Marighin werden als jene Gruppe definiert, die sich in der Schlacht von Nahrawan gegen Imam Ali (a.) stellte.[1] Nach Nasr b. Muzahim, dem Verfasser des Werkes Waq‘at as-Sifflin, gehörten die Khawarij ursprünglich zu den Anhängern des Imams. Doch infolge der Hakamiyya-Angelegenheit und der daraus resultierenden Meinungsverschiedenheiten mit ihm erhoben sie den Ruf la hukma illa lillah („Es gibt kein Urteil außer Gottes“) und betrachteten die Annahme der Schiedsgerichtsbarkeit als eine schwerwiegende Sünde.[2] Sie vertraten die Auffassung, dass alle Beteiligten – insbesondere Imam Ali (a.) – aufgrund dieses Fehltritts Buße tun müssten.[3] Zudem glaubten sie, dass Imam Ali (a.) durch die Annahme des Schiedsgerichts den Glauben verloren habe, weshalb man die Distanzierung von ihm sowie die Meidung seiner Person geboten habe.[4]
Stellung und Bedeutung
Gemäß der Überlieferung von Allama al-Majlisi in Bihar al-Anwar sagte der Prophet (s.) zu Imam Ali (a.): „O Ali! Nach mir wirst du gegen die Nakithin (die Vertragsbrecher), die Qasitin (die Ungerechten) und die Marighin kämpfen.“ Diese Überlieferung wird in schiitischen wie sunnitischen Quellen als mutawatir (ununterbrochene, hochgradig verlässliche Überlieferungskette) angeführt.[5] In der Nahj al-Balagha sind zwölf Reden sowie eine Weisheit diesem Thema gewidmet;[6] darunter die Khutba al-Schaqschaqiyya,[7] die Khutba al-Qasi‘a[8] sowie die 40. Rede der Nahj al-Balagha.[9] Zudem wird der Name der Marighin in der Ziyarat des Imams Ali (a.) am Eid al-Ghadir[10] sowie im Du‘aʾ an-Nudba[11] erwähnt.
In der islamischen Gesellschaft wurden die Marighin oft als Qariʾ oder Qurraʾ bezeichnet.[12] Unter Bezugnahme auf zahlreiche Überlieferungen des Propheten (s.) haben einige Forscher wesentliche Merkmale der Marighin herausgearbeitet, darunter religiöse Oberflächlichkeit, religiöser Extremismus, mangelnde Klugheit sowie der Austritt aus dem Islam.[13] Der Hadith-Gelehrte Muhammad Muhammadi Raischahri beschreibt die Kämpfer von Nahrawan unter Verwendung historischer und hadithischer Texte durch verschiedene Bezeichnungen: Marighin (die Abtrünnigen), Khawarij (die Ungehorsamen gegenüber dem Befehl von Imam Ali (a.)), Haruriyya (nach ihrem Versammlungsort), Schurat (was entweder „die Zornigen“ oder „diejenigen, die ihr Leben für die Belohnung im Jenseits opfern“ bedeuten kann) sowie Bughat (die Rebellen/Unterdrücker).[14]
Einige Quellen nennen als bedeutende Persönlichkeiten der Marighin Schuraih b. Awfa, Zaid b. Husin, Hamza b. Sinan und Abdullah b. Wahb.[15] Asch‘ath b. Qais, ein Einflussfaktor Mu‘awiyas in den Reihen von Imam Ali (a.), soll eine bedeutende Rolle bei der Irreführung der Marighin gespielt haben.[16] Laut Muhammadi Raischahri lässt sich die Schwierigkeit, mit dieser intellektuellen Strömung konfrontiert zu werden – die vordergründig koranisch geprägt war und deren Anhänger mit eingefurchten Stirnen vom häufigen Niederwerfen zeugten –, aus den Worten Imam Alis (a.) entnehmen: „Ich habe das Auge der Fitna (Spaltung/Verderbnis) ausgestochen, und niemand außer mir hätte es zu wagen.“[17] Nach der Schlacht von Nahrawan äußerte Imam Ali (a.), dass die Khawarij auch in zukünftigen Generationen fortbestehen und immer wieder auftreten würden. Jedes Mal, wenn einer von ihnen erscheinen würde, werde er niedergeschlagen, bis schließlich nur noch eine Gruppe von Dieben und Plünderern von ihnen übrigbleibe.[18] Sie stellten sich auch in den Reihen von Imam al-Hasan (a.) in der Schlacht gegen Mu‘awiya auf, bereiteten ihm jedoch erhebliche Probleme.[19] Zudem waren sie für den Angriff auf Imam al-Hasan (a.) verantwortlich und verursachten seine Verwundung.[20]
Glaubenssätze
Nach dem Bericht von Hasan b. Musa an-Nawbakhti, dem Verfasser des Buches Firq asch-Schi‘a, sind die Marighin der Ansicht, dass Imam Ali (a.), Uthman, Mu‘awiya und die beiden Schiedsrichter Ungläubige sind. Ihrer Überzeugung nach muss der Kalif und Nachfolger des Propheten nicht Araber oder aus dem Stamme Quraisch stammen; sie hielten die Kalifenschaft für Nicht-Araber und sogar für Sklaven für zulässig, vorausgesetzt, es handelte sich um eine gottesfürchtige, schwertkundige und gerechte Person.[21] Die Abaziyya, Azariqa, Najdat, Ajarida, Safariyya und Schabibiyya gelten als bekannte Untergruppen der Marighin.[22] Die Gruppierung der Schabibiyya machte keinen Unterschied zwischen Geschlechtern in Bezug auf das Kalifat und hielt sogar die weibliche Imamat für zulässig.[23]
Laut an-Nawbakhti in seinem Werk Firq asch-Schi‘a glaubten die Marighin, dass jene, die Hauptsünden begehen, Ungläubige seien und das Vergießen ihres Blutes erlaubt sei. Ebenso hielten sie es nicht für zulässig, Frauen und Töchter aus jenen Gruppen zu heiraten, von denen sie sich lossagten. Sie betrachteten es als eine Pflicht, gegen Ungläubige und Heuchler mit ihren Imamen in den Kampf zu ziehen.[24] Nach seiner Darstellung betrachteten einige Gruppen der Marighin selbst jene als Ungläubige, die sich aus dem Kampf zurückhielten, selbst wenn sie ihre Anhänger waren.[25] Sie waren der Ansicht, dass die Sure Yusuf kein Teil des Korans sei, und sagten, diese Sure sei eine Liebesgeschichte, die keinen Platz im Koran haben sollte.[26]
Das Ende der Marighin
Imam Ali (a.) trat in den Jahren 37 und 38 n.H. in einer Region namens Nahrawan in den Kampf gegen die Marighin.[27] Vor Beginn der Schlacht rief Imam Ali (a.) sie zur Umkehr und zur Buße auf, woraufhin sich eine große Anzahl von ihnen von den Truppen trennte.[28] In dieser Schlacht wurden sie alle bis auf zehn Personen getötet, während 400 verwundet wurden; unter den Gefährten von Imam Ali (a.) hingegen fielen weniger als zehn Personen als Märtyrer.[29] Einer der Überlebenden dieses Krieges war Ibn Muljam al-Muradi, der am 19. Ramadan des Jahres 40 n.H. Imam Ali (a.) mit einem vergifteten Schwert in der Gebetsbische der Moschee von Kufa in den Stand des Märtyrertums erhob.[30]
Verwandte Themen
Fußnoten
- ↑ Āḫūndī u. a., Iṣṭilāḥāt-e neẓāmī dar feqh-e eslāmī, S. 108.
- ↑ al-Minqarī, Waqʿat Ṣiffīn, S. 513.
- ↑ al-Minqarī, Waqʿat Ṣiffīn, S. 513.
- ↑ an-Nawbaḫtī, Tarǧome-ye Ferāq al-Šīʿa, S. 6.
- ↑ al-Maǧlisī, Biḥār al-Anwār, Bd. 30, S. 588.
- ↑ Ḫazʿalī, „Nākiṯīn, Qāsiṭīn wa Mārīqīn dar Nahǧ al-Balāġa“, S. 398.
- ↑ Nahǧ al-Balāġa, hg. v. Ṣubḥī Ṣāliḥ, Ḫuṭba 3, S. 49.
- ↑ Nahǧ al-Balāġa, Ḫuṭba 192, S. 300.
- ↑ Nahǧ al-Balāġa, Ḫuṭba 40, S. 82.
- ↑ Ibn Ṭāwūs, al-Iqbāl bi-l-aʿmāl al-ḥasana, Bd. 2, S. 307.
- ↑ Muḥammad Bāqir al-Maǧlisī, Zād al-Maʿād – Miftāḥ al-Ǧinān, S. 305.
- ↑ Muḥammadī Raišahrī, Dānešnāme-ye Amīr al-Muʾminīn (a.) bar pāye-ye Qurʾān, ḥadīṯ wa tārīḫ, B. 6, S. 359.
- ↑ Muḥammadī Raišahrī, Dānešnāme-ye Amīr al-Muʾminīn (a.) bar pāye-ye Qurʾān, ḥadīṯ wa tārīḫ, B. 6, S. 339–345.
- ↑ Muḥammadī Raišahrī, ebd., B. 6, S. 332–337.
- ↑ Muḥammadī Raišahrī, ebd., B. 6, S. 359 u. 369.
- ↑ Muḥammadī Raišahrī, ebd., B. 6, S. 328.
- ↑ Muḥammadī Raišahrī, ebd., B. 6, S. 293.
- ↑ Nahǧ al-Balāġa, Predigt 60.
- ↑ Āl Yāsīn, Ṣulḥ al-Ḥasan (a.), S. 39.
- ↑ ad-Dīnawarī, al-Aḫbār aṭ-Ṭiwāl, S. 319–320.
- ↑ an-Nawbaḫtī, Tarǧome-ye Ferāq al-Šīʿa, S. 68.
- ↑ Ebd., S. 68.
- ↑ Ebd., S. 68.
- ↑ Ebd., S. 68.
- ↑ Ebd., S. 68.
- ↑ Ebd., S. 68.
- ↑ Muḥammadī Raišahrī, Dānešnāme-ye Amīr al-Muʾminīn (a.), B. 6, S. 373.
- ↑ ad-Dīnawarī, al-Aḫbār aṭ-Ṭiwāl, S. 309.
- ↑ al-Balāḏurī, Ansāb al-Ašrāf, B. 2, S. 373–375.
- ↑ Scheich al-Mufīd, al-Iršād, B. 1, S. 20.
Quellenverzeichnis
- Nahǧ al-Balāġa, Korrektur Ṣubḥī Ṣāliḥ, Qum, Heǧrat, erste Auflage, 1414 n.H.
- Āḫūndī, Muṣṭafā, und Murtaḍā Muḥammadiyān und Muḥammad-Ṣāliḥ Kumailī, Iṣṭilāḥāt-e niẓāmī dar feqh-e Eslāmī, Teheran, Korps der Islamischen Revolutionsgarden, Vertretung des Wali-ye Faqih, Abteilung für ideologisch-politische Ausbildung, erste Auflage, 1378 n.i.S.
- Āl-e Yāsīn, Šaiḫ Rāḍī, Ṣulḥ al-Ḥasan (a.), Qum, aš-Šarīf ar-Rāḍī, 1373 n.i.S./1414 n.H.
- Ibn Ṭāwūs, ʿAlī ibn Mūsā, al-Iqbāl bi-l-aʿmāl al-ḥasana, Forschung Ǧavād Qayyūmī Iṣfahānī, Qum, Amt für islamische Propaganda, erste Auflage, 1376 n.i.S.
- al-Minqarī, Naṣr ibn Muzāḥim, Waqʿat Ṣiffīn, Korrektur ʿAbd as-Salām Muḥammad Hārūn, Qum, Bibliothek von Āyatollāh al-Marʿašī an-Naǧafī, zweite Auflage, 1404 n.H.
- Balāḏurī, Ansāb al-ašrāf, taḥqīq Muḥammad-Bāqir Maḥmūdī, Beirut, Muʾassasat al-Aʿlamī li-l-maṭbūʿāt, o. J.
- Ḫazʿalī, Abū l-Qāsim, Nākiṯīn, Qāsiṭīn wa Māriqīn dar Nahǧ al-balāġa, in: Maǧmūʿe-ye maqālāt va suḫanrānī-hā dar Kongere-ye beyn al-melalī-ye hezāre-ye Nahǧ al-balāġa, B. 1, o. J.
- Dīnawarī, Aḥmad b. Dāwūd, al-Aḫbār aṭ-ṭiwāl, Einleitung von ʿIṣām Muḥammad al-Ḥāǧǧ ʿAlī, Beirut, Dār al-kutub al-ʿilmīya, 1421 n.H./2001
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- Qāsiṭīn, Māriqīn va Nākiṯīn, Website des Hauses des Buches und der iranischen Literatur, Zugriffsdatum: 17 Farvardīn 1405 n.i.S.
- Maǧlisī, Muḥammad-Bāqir, Biḥār al-anwār al-ǧāmiʿa li-durar aḫbār al-aʾimma al-aṭhār (a.), Beirut, Dār Iḥyāʾ at-turāṯ al-ʿarabī, zweite Auflage, 1403 n.H.
- Maǧlisī, Muḥammad-Bāqir b. Muḥammad-Taqī, Zād al-maʿād, Beirut, Muʾassasat al-Aʿlamī li-l-maṭbūʿāt, 1423 n.H./2003
- Muḥammadī Reīšahrī, Muḥammad, Dānešnāme-ye Amīr al-Muʾminīn (a.) bar pāye-ye Qorʾān, ḥadīṯ va tārīḫ, B. 6, Qum, Dār al-Ḥadīṯ, erste Auflage, 1386 n.i.S.
- Nākiṯīn, Qāsiṭīn va Māriqīn az dīdgāh-e Ḥażrat-e ʿAlī (ʿa.) (viže-ye nowǧavānān), Website des Hauses des Buches und der iranischen Literatur, Zugriffsdatum: 17 Farvardīn 1405 n.i.S.
- Nūbaḫtī, Ḥasan ibn Mūsā, Tarǧome-ye Firaq aš-šīʿa-ye Nūbaḫtī, Übersetzung von Muḥammad-Ǧavād Maškūr, Teheran, Stiftung für die Kultur Irans, 1353 n.i.S.