Schwertvers
"Schwertvers" oder "Kampfvers" (Sure at-Tauba: 5) befiehlt den Muslimen nach Ablauf einer viermonatigen Frist die Polytheisten zu töten, sie gefangen zu nehmen (persisch: اسیر) oder zu belagern; es sei denn sie werden Muslime. Laut Exegeten der Schia und der Sunna sind mit den Polytheisten in diesem Vers die wortbrüchigen Polytheisten zur Zeit des Propheten Muhammad (s.) gemeint; dennoch berufen sich salafistisch-dschihadistische Gruppen für den offensiven Dschihad auf diesen Vers.
Einige betrachten den Schwertvers als abrogierend für einige Verse, die sich mit Frieden, Dschizya und Lösegeld befassen; im Gegensatz dazu sind einige der Ansicht, dass dieser Vers keinen Vers abrogiert; vielmehr durch Vers 6 der Sure at-Tauba in dem Gott dem Propheten befiehlt: „Wenn einer der Polytheisten bei dir Schutz sucht, so gewähre ihm Schutz bis er das Wort Gottes hört und dann bring ihn an einen sicheren Ort“, spezifiziert.
Die Verse 29 der Sure at-Tauba und Vers 39 der Sure al-Haddsch werden ebenfalls als Schwert- oder Kampfvers bezeichnet.
Beschreibung des Verses
Der Schwert- oder Kampfvers ist der fünfte Vers der Sure at-Tauba. Entsprechend diesem Vers wird gesagt, dass den Muslimen im Jahr 9 n.H. befohlen wurde nach einer viermonatigen Frist hart gegen Polytheisten vorzugehen, etwa durch Töten, Gefangennahme und Belagerung.[1]
Gemäß diesem Vers sind Polytheisten wenn sie vor Ablauf der festgesetzten Frist den Islam annehmen und die islamischen Riten einhalten, deren wichtigste das Gebet und die Zakat sind in Sicherheit und genießen ohne Unterschied alles, was auch die Muslime genießen.[2] Die Erwähnung des Verrichtens des Gebets und der Entrichtung der Zakat im Vers wurde als Zeichen für Reue und Glauben gedeutet.[3] Laut Naser Makarem Schirazi geht aus dem äußeren Sinn des Verses hervor, dass die Wahl zwischen den vier Optionen „Weg versperren, Belagerung, Gefangennahme und Töten“ nicht frei ist; vielmehr wird entsprechend zeitlicher, örtlicher usw. Umständen eine dieser Maßnahmen ergriffen.[4]
Koranexegeten haben unterschiedliche Ansichten darüber welche Monate die gewährte viermonatige Frist umfasst. Einige betrachteten diese Monate als die heiligen Monate (persisch: ماههای حرام).[5] Im Gegensatz dazu sahen die meisten Exegeten die viermonatige Frist als andere Monate an, die den Zeitraum vom 9. Dhu l-Hiddscha des Jahres 9 n. H. bis zum 10. Rabi' al-Thani des Jahres 10 n. H. umfassen.[6]
Einige Rechtsgelehrte stufen unter Berufung auf den Schwertvers denjenigen, der das Gebet unterlässt (persisch: تارک الصلاة) als Apostaten ein und betrachten seine Tötung als verpflichtend. Denn in diesem Vers ist das Gebet eine der Bedingungen, die Töten des Polytheisten verhindern.[7] Einige Exegeten bezeichnen auch den Vers 29 der Sure at-Tauba[8][Anmerkung 1] und Vers 39 der Sure al-Haddsch [Anmerkung 2] als Schwert- oder Kampfvers.[9]
فَإِذَا انسَلَخَ الْأَشْهُرُ الْحُرُمُ فَاقْتُلُوا الْمُشْرِكِينَ حَيْثُ وَجَدتُّمُوهُمْ وَخُذُوهُمْ وَاحْصُرُوهُمْ وَاقْعُدُوا لَهُمْ كُلَّ مَرْصَدٍ ۚ فَإِن تَابُوا وَأَقَامُوا الصَّلَاةَ وَآتَوُا الزَّكَاةَ فَخَلُّوا سَبِيلَهُمْ ۚ إِنَّ اللَّهَ غَفُورٌ رَّحِيمٌ
Deutsch: Wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Polytheisten, wo immer ihr sie findet, greift sie, belagert sie und lauert ihnen auf jedem Weg auf. Wenn sie umkehren, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, dann lasst sie ihres Weges ziehen: Gott ist voller Vergebung und barmherzig.
Kampf gegen wortbrüchige Polytheisten
Koranexegeten sind der Ansicht, dass mit Polytheisten in diesem Vers die wortbrüchigen Polytheisten zur Zeit des Propheten (s.) gemeint sind die mit dem Propheten und Muslimen ein Abkommen schlossen, dieses dann aber brachen (persisch: پیمانشکنی).[10] Einige sagten, es seien die Polytheisten gewesen, die sich im Zustand der Verschwörung befanden und die Kriegs-Ungläubigen.[11]
Es wird gesagt, dass der sunnitische Exeget Raschid Rida (gest. 1935 n. Chr.) in seiner Interpretation dieses und anderer Verse die sich auf den Kampf beziehen die Polytheisten auf die Mekkas beschränkt deren wiederholten Vertragsbruch Gott in den Kampfversen betonte.[12] Der Koranexeget Muhammad Izzat Darwaza (gest. 1984 n. Chr.) ist der Ansicht, dass Bestimmungen der ersten Verse der Sure at-Tauba jene Polytheisten betreffen die ihren Vertrag brachen und zu einer Zeit als der Prophet auf der Expedition nach Tabuk war und gegen die Muslime zu konspirieren suchten.[13] Seiner Überzeugung nach ist die Annahme der Uneingeschränktheit und Allgemeingültigkeit dieser Verse bezüglich aller Polytheisten eine Bedeutungszumutung, die der Kontext und Grundtenor der Verse nicht zulassen.[14]
Einige Forscher sagten, dass Vers 5 der Sure at-Tauba von salafistisch-dschihadistischen Gruppen für den offensiven Dschihad herangezogen wird.[15] Sie betrachten diesen Vers als Abrogator aller Friedens- und Vergebungs-Verse und verstehen unter den Polytheisten in diesem Vers die Gesamtheit der Ungläubigen, sowohl die kämpfende als auch die nicht-kämpfenden.[16] Im Gegensatz dazu wird die falsche Interpretation und Verständnis einer Religionserzwingung aus diesem Vers als Ursache für Verzerrung des Islambildes angesehen, was negative Auswirkungen auf Überzeugungen der Muslime hat.[17]
Abrogierend oder Abrogat
Aus Sicht einiger Koranexegeten ist der Schwertvers Abrogator (persisch: ناسخ و منسوخ) von 124 Versen, die sich auf Vergebung, Frieden und Lösegeld im Umgang mit Polytheisten beziehen.[18] Einige andere betrachten diesen Vers als durch die Vergebungs- und Friedensverse abrogiert.[19] Nach Ansicht wieder anderer sind der Schwertvers und Vers 4 der Sure Muhammad, der sich auf die Annahme von Lösegeld von den Polytheisten bezieht, nicht gegenseitig abrogierend und beide gehören zu den eindeutigen (muhkam) Versen. Denn der Prophet befahl gegenüber den Polytheisten sowohl den Kampf als auch ordnete er Vergebung an und verfügte Annahme von Lösegeld.[20]
Einige Exegeten sehen diesen Vers im Zusammenhang mit dem folgenden Vers.[21] Im darauffolgenden Vers befiehlt Gott dem Propheten: Wenn einer der Polytheisten bei dir Schutz sucht gewähre ihm Schutz bis er das Wort Gottes hört und dann bring ihn an einen sicheren Ort.[22][Anmerkung 3]
Der sunnitische Exeget Raschid Rida (gest. 1935 n. Chr.) ist der Ansicht, dass dieser Vers den Schwertvers spezifiziert und zwar deshalb weil einige Polytheisten das Wort Gottes nicht hörten und die Einladung (zum Islam) nicht vollständig zu ihnen gelangte. Aus diesem Grund ließ Gott ihnen den Weg zur Wahrheit offen und spezifizierte die Bestimmung des Schwertverses.[23]
Einige sagten, dass die Abrogation durch den Schwertvers hinfällig ist; denn der Vers 29 der Sure at-Tauba, der nach dem Schwertvers kam, erkennt die Freiheit der Ahl al-Kitab gegen Zahlung der Dschizya an.[24]
Fußnoten
Anmerkungen
- ↑ قَاتِلُوا الَّذِینَ لَا یُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ وَلَا بِالْیَوْمِ الْآخِرِ وَلَا یُحَرِّمُونَ مَا حَرَّمَ اللَّهُ وَرَسُولُهُ وَلَا یَدِینُونَ دِینَ الْحَقِّ مِنَ الَّذِینَ أُوتُوا الْکِتَابَ حَتَّیٰ یُعْطُوا الْجِزْیَةَ عَنْ یَدٍ وَهُمْ صَاغِرُونَ
Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und nicht an den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der Religion der Wahrheit angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben –, bis sie kleinlaut aus der Hand die Schutzsteuer (Dschizya) entrichten. - ↑ أُذِنَ لِلَّذِینَ یُقَاتَلُونَ بِأَنَّهُمْ ظُلِمُوا ۚ وَإِنَّ اللَّهَ عَلَیٰ نَصْرِهِمْ لَقَدِیرٌ
Erlaubnis (zum Kampf) ist denen gegeben die bekämpft werden weil ihnen Unrecht geschah – und Gott hat wahrlich die Macht ihnen zu helfen. - ↑ وَإِنْ أَحَدٌ مِنَ الْمُشْرِکِینَ اسْتَجَارَکَ فَأَجِرْهُ حَتَّیٰ یَسْمَعَ کَلَامَ اللَّهِ ثُمَّ أَبْلِغْهُ مَأْمَنَهُ ۚ ذٰلِکَ بِأَنَّهُمْ قَوْمٌ لَا یَعْلَمُونَ؛.» Und wenn einer der Polytheisten bei dir Schutz sucht, so gewähre ihm Schutz bis er das Wort Gottes hört. Danach bringe ihn an seinen sicheren Ort. Dies weil sie Leute sind, die nicht Bescheid wissen.